Offener Brief: „Lernräume vor Ort – Konzept für ein außerschulisches Bildungs- und Freizeitangebot in den Sommerferien mit Unterstützung der Kommunen“

Sehr geehrter Herr Minister Tonne,
sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Reimann,

mit Verwunderung und Ärger haben wir das Vorhaben des Niedersächsischen Kultusministeriums zur Kenntnis nehmen müssen, noch kurz vor den Sommerferien ein außerschulisches Bildungs- und Freizeitangebot initiieren zu wollen. Wir hätten es begrüßt, wenn eine Initiative zur gemeinsamen Ausgestaltung des Freizeit- und Bildungsangebots in den diesjährigen Sommerferien für Kinder und Jugendliche bereits vor acht Wochen gestartet und partnerschaftlich mit den freien und öffentlichen Träger der Kinder- und Jugendarbeit in Niedersachsen umgesetzt worden wäre – so zeugt das Vorgehen von mangelnder Wertschätzung gegenüber der Jugendarbeit, insbesondere auch gegenüber den vielen ehrenamtlichen Jugendleiter*innen.

Die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen beschränkt sich nicht nur auf Schule. Gerade in Zeiten von Corona benötigen Kinder- und Jugendliche Zeit für sich und ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse: Aktuelle Studien zur Lebenssituation Jugendlicher belegen, dass diese sehr unter der Corona-Pandemie gelitten haben. Die Autor*innen der Studie „Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen“ kommen zu dem Ergebnis, dass junge Menschen darauf reduziert wurden Schüler*innen zu sein und ihre anderen Bedürfnisse nicht gesehen wurden. Umso wichtiger ist es, den außerschulischen Interessen von Schüler*innen in den Ferien Rechnung zu tragen. Das Recht der Kinder und Jugendlichen auf Ferien und Erholung wird nicht geachtet, der schon jetzt aufgrund von Corona bestehende „Lerndruck“ wird stattdessen in die Ferienzeit hineingetragen.

Das vorgelegte Konzept ist nach unserer Auffassung keine adäquate Antwort auf die Herausforderungen, mit denen das System Schule in Zeiten der Corona-Pandemie umgehen muss. Kinder, Jugendliche und ihre Familien freuen sich auf die Ferienzeit, damit zumindest in diesen Wochen das Thema „Home-Schooling“ ruht und die Belastungen aller Beteiligten sinkt. Das vorliegende Konzept trägt zur weiteren Entgrenzung von Schulzeit und Ferienzeit bei. Dieser Aspekt wird an keiner Stelle berücksichtigt. Nach unserer Auffassung liegt es in Ihrer politischen Verantwortung, dafür zu sorgen, das Curriculum, die Lehrpläne und auch die Möglichkeiten zur Wissensvermittlung so anzupassen, dass Wissensvermittlung auch unter Corona-Bedingungen in der regulären Schulzeit möglich ist. Uns drängt sich der Eindruck auf, dass Schüler*innen nun die Leidtragenden solcher fehlenden Konzepte sind.

„Lernräume vor Ort“ stellt in keiner Art und Weise eine Verbindung zu den bestehenden Bildungs- und Freizeitangeboten (Ferienangebote) in den Sommerferien her, die von öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe geplant, durchgeführt und verantwortet werden. Davon auszugehen, dass 14 Tage vor dem Beginn der Sommerferien ein umfassendes Bildungs- und Freizeitangebot initiiert, geplant und umgesetzt werden kann, zeugt von einer gewissen Entfernung von der operativen Ebene und verkennt die Realitäten vor Ort. Zudem drängt sich uns der Eindruck auf, dass die bestehenden Ferienangebote auf „Spaß und Freizeit“ reduziert werden und der vorhandene Bildungsaspekt ausgeklammert bzw. abgesprochen wird. Es ist befremdlich, dass das Land Niedersachsen nun für das Projekt „Lernräume vor Ort“ finanzielle und personelle Ressourcen bereitstellt, die Träger der Jugendarbeit aber mit der Bewältigung der zusätzlichen Kosten und dem enormen Aufwand der Umorganisation der Angebote der Jugendarbeit an die Corona-Bedingungen alleine gelassen werden.

Die örtlichen Träger (Kommunen und Verbände) haben in einem Kraftakt in den letzten Wochen ihre Planungen für die Sommerferien 2020 weitestgehend abgeschlossen. Die Maßnahmen der verschiedenen Träger sind konzipiert, geplant und ausgeschrieben. Auch die Träger des schulischen Ganztags an Grundschulen haben ihre Ferienprogramme geplant und befinden sich in der Teilnehmendenakquise. Für viele Eltern kommen die Angebote schon jetzt zu spät, aber die Verordnungen des Landes zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ließen leider lange keine verlässlichen Planungen zu.

Erst Anfang Juni wurde die Landesverordnung angepasst und offenbarte, unter welchen Rahmenbedingungen die Träger ihre Planungen der Sommerferienprogramme vornehmen können. Bis heute kam es immer wieder zu Anpassungen, von verlässlichen Rahmenbedingungen kann also keine Rede sein.

Fazit

Die Landesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendarbeit Niedersachsen e.V. und der Landesjugendring Niedersachsen e.V. lehnen das Konzept für ein außerschulisches Bildungs- und Freizeitangebot während der kommenden Sommerferien ab. Die Planungen der öffentlichen und der freien Träger der Jugendarbeit sind abgeschlossen und die Anmeldephase hat begonnen. Die Träger haben ihre Angebote unter widrigsten Rahmenbedingungen (stetig veränderte Verordnungen) konzipiert, geplant und an den Start bringen müssen.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendarbeit Niedersachsen e.V. und der Landesjugendring Niedersachsen e.V. sind dankbar, dass es trotz der Corona-bedingten Einschränkungen gelungen ist, in vielen niedersächsischen Kommunen ein umfassendes, abwechslungsreiches und ansprechendes Ferienangebot zu ermöglichen.

Sollte das vorgelegte Konzept zur Umsetzung kommen, wird dadurch das unglaublich große Engagement all der Akteure missachtet, die sich in den vergangenen Wochen intensiv mit der Frage der Ferienangebote befasst haben. Das Vorhaben zeugt von einer gewissen Unkenntnis der Realität der Kinder- und Jugendbildungsarbeit in Niedersachsen.

Wir fordern stattdessen, die finanziellen Ressourcen, die Sie für die Umsetzung des Konzeptes bereitstellen wollen, den Trägern der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen, um die Kostensteigerung z.B. durch die Umsetzung der Hygienekonzepte auszugleichen.

Hannover, den 06.07.2020


Jens Risse (Vorstand Landesjugendring) & Angelika Bergmann (Vorsitzende LAG OKJA)