Zukunft mitgestalten

Möglichkeiten und Grenzen des Cyberspace - eine Zukunftsvision aus Wissenschaft und Forschung
(Prof. Dr. Dieter Otten (Universität Osnabrück), auf der 23. Vollversammlung des Landesjugendringes am 04.03.2000 in Oldenburg)

Protokoll: Thomas Castens, Referent im Landesjugendring.

Prof. Dr. Dieter Otten von der Universität Osnabrück stellt sich vor als Soziologe und diplomierter Mathematiker, der als Leiter der Forschungsgruppe "Internetwahlen" an der Uni Osnabrück die Nutzung des Internets insbesondere für politische Fragen und Wahlen untersucht. In diesem Zusammenhang ist der Landesjugendring Partner bei der Erprobung von Wahlen im Internet. Dieter Otten gliedert seinen Vortrag in 5 Punkte:

  1. Eine kritische Sicht auf das Internet
  2. Eine revolutionäre Verteilsstruktur: Die Entwicklung der Computertechnologie und ihrer Auswirkungen auf die Gesellschaft
  3. Gibt es Kontrolle über das, was passiert, und wenn ja, welche?
  4. Chancen und Grenzen des Cyberspace sowie
  5. Was können insbesondere junge Menschen machen?

1. Eine kritische Sicht auf das Internet

In anschaulichen Worten erläutert Dieter Otten, dass die Segnungen des Internets Land auf, Land ab gepriesen werden. Die Entwicklung des Internets wird für die innovativste Erfindung der jüngeren Vergangenheit gehalten. Dabei ist das Internet zunächst nichts anderes, als eine Verbindung zwischen Computern über Telefonnetze. E-Mail und der Austausch von Daten erfolgen über das Protokoll TCP/IP. In aller (insbesondere Politiker-innen-) Munde ist das Internet insbesondere wegen des worldwidewebs. Hier können Texte, Bilder, Videos sowie Töne dargestellt und Waren über das Internet bestellt werden. Das Internet entwickelt sich so zu einem großen, EDV-gestützten Versandhandel.

Die Menschen vertrauen unbekannten Medien komplett alle Daten an, die konsequent abgehört, gesichtet und gespeichert werden können. Dieter Otten erinnert an den Widerstand gegen die Volkszählung von 1987, bei der sich zahlreiche (insbesondere) junge Leute gegen die "Ausforschung durch den Staat" zur Wehr gesetzt haben. Durch das Internet können heute nicht nur die geringen Datenmengen, die bei der Volkszählung eher statistischer Art erhoben wurden, erfasst werden, sondern alle personenbezogenen Daten können erfasst und systematisch ausgewertet, profiliert werden. Diese Profilierung, d.h. das Entwickeln personenspezifischer Benutzer-innenprofile, ist die Zukunft der Werbebranche. Da die Bürger und Bürgerinnen nicht mehr flächendeckend mit unspezifischem Werbematerial zugetextet werden können, kommt es in Zukunft verstärkt darauf an, entlang der spezifischen Interessen und Neigungen der ausdifferenzierten Zielgruppe konkrete Angebote zu unterbreiten, die einen höheren Werbegrad erzeugen. Folglich besteht der größte Hype im Internet im sog. e-commerce. 70 Prozent dieses e-commerces beschäftigt sich mit Pornografie. Allein 86 Prozent der neuen Internet-StartUps (Unternehmen, die neu an die Börse gehen) beschäftigen sich mit e-commerce.

Forschungsergebnissen zufolge können dreiviertel sämtlicher Informationen, die im www aufbereitet sind, als Junk bezeichnet werden. Dennoch stellt insbesondere die Mobilisierung von Aktienkapital über das Netz ein großes Thema dar. Die Börsenhysterie, die zwischenzeitig auch die Bundesrepublik ereilt hat, führt zu immer mehr Online-Brokern, die die Kaufkraft der Bevölkerung abschöpfen und insbesondere die Internetfirmen mit neuem Kapital versorgen. Dies führt in der Folge zu Stilblüten, wonach einige Internetfirmen (z.B. Yahoo) einen weitaus größeren Finanzstamm aufweisen, als traditionelle Firmen im produzierenden Gewerbe (z.B. Daimler/Chrysler). In diesem Zusammenhang bezeichnet Dieter Otten die Initiative vom Bundeskanzler Schröder, sog. Greencards für Programmierer-innen aus dem Ausland auszustellen, als zynische Aktion, zumal es darum ginge, qualifizierte Nachwuchskräfte für 5 bis 10 Jahre ins Land zu bitten und auszuquetschen. Allein in der Bundesrepublik finden sich 70.000 qualifizierte, aber arbeitslose IT-Fachleute, denen keine Perspektive zur Beschäftigung geboten wird. Zudem zeigen sich hier eklatante Schwächen in der Berufsausbildung und -qualifizierung junger Nachwuchskräfte in der Bundesrepublik.

Dieter Otten beschreibt, dass das Internet zu einer höheren Medienqualität führen kann, dass die bisherigen technologischen Grundlagen, insbesondere aber die Netze, noch zu langsam sind. Insofern wird gegenwärtig versucht, über das Internet eine neue Absatzstrategie für veraltete Technologien zu etablieren, etwa der Aldi-PC, der gemeinhin als günstig erscheint, technologisch aber veraltet ist und zu völlig überteuerten Preisen angeboten wird. Die Debatte um die Greencards suggeriert, es gibt ein Qualifikationsproblem. Dies hält Dieter Otten für nicht zutreffend. In 14 Tagen bis 3 Wochen ist es möglich, die wesentlichen Anwendungen im Internet zu erlernen. Die Forschungsgruppe Internetwahlen an der Universität Osnabrück besteht aus Sozialwissenschaftler-inne-n, die im Laufe der Zeit sukzessive zu qualifizierten Informatiker-inne-n wurden. Die Gestaltung des Internets besteht im Wesentlichen aus handwerklichen und konzeptionellen Leistungen, die mit unserer Kultur kompatibel sein müssen. Nicht das Programmieren von Abläufen, sondern die Gestaltung von Inhalten für das Netz ist in erster Linie die vor uns stehende Aufgabe. Dazu braucht es keine Fremdarbeitskräfte und keine Greencards, sondern Qualifizierung und Nutzung vorhandener Potentiale in Deutschland, da insbesondere der kulturelle Background und Kenntnisse der (Szene-) Kultur von Bedeutung sind.

2. Eine revolutionäre Verteilsstruktur: Die Entwicklung der Computertechnologie und ihrer Auswirkungen auf die Gesellschaft

Dieter Otten stellt die These auf, dass die Computertechnologie in ihrem Umfang revolutionär ist und das, was wir heute erleben, erst den Anfang darstellt. Die Computertechnologie existiert erst seit 24 Jahren. Was mit einer Verbindung zwischen Computer und Telefondose begann, steuert heute alle Finanz- und Warenströme, ist in allen Haushaltsgeräten, Autos, etc. implementiert und kontrolliert unser gesamtes Leben. Wenn bedacht wird, dass diese Technologie erst ein Viertel Jahrhundert alt ist, ist kaum vorstellbar, wie die Welt aussieht, wenn die Computertechnologie bereits 100 Jahre im Einsatz ist. Dieter Otten vergleicht die Entwicklung mit der Erfindung des Automobils bis zur Gegenwart, welche auch etwa 100 Jahre gedauert hat. Die Entwicklungssprünge in der Computertechnologie sind ungleich größer. Wir befinden uns daher im Übergang von der materiellen in die Wissensproduktion. Maschinen sind zwar teuer, aber tot, da sie lediglich bekanntes Wissen speichern. Im Unterschied dazu ist lebendiges Wissen prozessorientiert und gestaltungsoffen. Gespeichertes Wissen ist in der Lage, wie programmiert zu laufen; aktives Wissen kann gestaltend in Prozesse eingreifen. Insofern ist für die Perspektive die Produktivkraft Wissen entscheidend.

Dieter Otten führt einige Perspektiven aus, wohin sich die Computertechnologie entwickelt: Entwicklung leistungsfähiger Rechnerchips, Entwicklung neuartiger Plattenspeicher und holografischer Bildschirme, erhebliche Beschleunigung der Kommunikation über das Netz etc. Am Beispiel der aktuellen Kosten des Mobiltelefonierens macht Dieter Otten deutlich, wie zz. exorbitante Mehrwerte am Telekommunikationsmarkt realisiert werden können, die insbesondere dem Zweck dienen, die Netze der Zukunft zu bauen. Er beziffert die Kosten einer mobil telefonierten Minute mit ca. 4 Pfennig, wobei eine 15 %-Gewinnmarge bereits eingerechnet wurde. Insofern erklären sich die gegenwärtigen Übernahmeschlachten in der Telekommunikationsbranche als Kämpfe darum, wer "Geld drucken" darf.

Weitere Entwicklungssprünge sind auch in der Verbindung zwischen Mensch und Technologie zu erwarten: Die Entwicklung neuartiger Technologien, die Hören und Sehen verbessern, die sich organisch an die vorhandene Struktur der Menschen anpassen etc. Der Cybermensch, eine Erfindung der Sience Fiction-Abteilungen, wird immer realistischer. Auch Computer, die in menschlicher Gestalt auftreten, gleichsam als menschlich-strukturierte Maschinen, sind in nicht allzu ferner Zukunft zu erwarten.

Die Entwicklung dieser Technologie geht einher mit der Etablierung einer revolutionären Verteilsstruktur. Wurde bisher mit erheblichem Finanzaufwand eine zentralisierte Produktions- und Distribuktionsstruktur entwickelt, die mit erheblichem Marketingaufwand zentral erstellte Produkte an die Konsument-inn-en weiterleitete, sieht die revolutionäre Verteilsstruktur demgegenüber eine kleinräumige und dezentrale Herstellung der Produkte durch die Konsument-inn-en selbst vor. Am Beispiel der Zeitung "Der Tag" vom Spiegel-Verlag, die live in Zügen gedruckt und verkauft wird, wird deutlich, dass vorstellbar ist, dass die Konsument-inn-en selbst entscheiden, welche Produkte sie benötigen und sie auch auch noch selbst herstellen. Dies stellt eine völlige Verkehrung bisheriger Herstellungs- und Verteilungswege dar. Die Konsequenzen für die Ökonomie sind indes noch unklar. Dieter Otten beschreibt diesen Prozess zusammenfassend, vergleichbar dem Übergang vom Jäger und Sammler zur Landwirtschaft, als den Übergang von der materiellen in die Wissens- oder Informationsgesellschaft.

3. Gibt es Kontrolle über das, was passiert, und wenn ja, welche?


Dieter Otten führt aus, dass allein die Idee, etwas unter Kontrolle bekommen zu wollen, schon unrealistisch und unmöglich ist. Statt der Kontrolle ist ein Diskurs darüber zu bevorzugen, was richtig und was falsch im Netz ist, was wünschenswert und was nicht. Statt einer Abschottung spricht er sich für einen Diskurs über die Probleme des Internets aus. Dazu ist eine neue Kultur der Auseinandersetzung anzustreben. Der Diskurs über das Wünschenswerte und das zu Verhindernde schließt dabei alle Dimensionen gesellschaftlichen Seins mit ein. Es geht über die Inhalte im Netz, über die politischen Botschaften, über die Warenströme und die Verfügung und Kontrolle über die Daten. Dieter Otten schließt sich einem Leitartikel in "The Times" mit dem Titel "Protect your privacy", etwa "Schütze dein Privates", an. Allein die Datenströme, die durchs Zahlen mit der Kreditkarte aufkommen, sind geeignet, gläserne Kund-inn-en zu erzeugen. Er ruft daher dazu auf, nur in bar zu zahlen.

Das Thema Kontrolle wirft die Frage nach der Leistungsfähigkeit der politischen Systeme auf. Dieter Otten vertritt dabei die Position, dass die aktuellen politischen Systeme wenig sichern und eher als Unterhaltungsthemen am (Talkshow-)Abend dienen. Die gegenwärtige politische Krise in der Bundesrepublik im Kontext des Parteienfinanzierungsskandals ist eine "politische Krise ohne politische Krise" und stellt in gewisser Weise eine Einreihung in die europäische Normalität, etwa in Italien, dar. Es muss in der Tat die Frage gestellt werden, ob die Form der repräsentativen und parlamentarischen Demokratie an ihre Grenzen gestoßen ist und zu Gunsten der Entwicklung neuer Elemente der direkten Demokratie abgelöst werden muss. Dies geht nur über den Weg einer politischen Auseinandersetzung über Ziele und Aktionsmöglichkeiten.

4. Chancen und Grenzen des Cyberspace

Dieter Otten führt aus, dass die Entwicklung des Internets durchaus eine Chance für eine neue politische Demokratie eröffnet. Das Internet mit seinen Möglichkeiten schafft auch Voraussetzungen für die Entwicklung einer ganzheitlichen Kultur und für den Wandel der Geschlechterrollen. Allein die demografische Entwicklung zwingt uns zu einem Wandel der Rollen, da der weitergehende Ausschluss der Frauen aus der Erwerbsarbeitssphäre dem steigenden Bedarf an Arbeitskräften zuwiderläuft. Wird dann noch berücksichtigt, dass Frauen von ihren Qualifikationen her gesehen bereits die Männer etwa in den Schul- und Hochschulabschlüssen überholt haben, ist gar nicht mehr zu begründen, warum Frauen auch weiterhin aus dem Erwerbsarbeitsmarkt ausgeschlossen werden. Dieter Otten weist aber darauf hin, dass die Entwicklung der Technologien und der Übergang von der materiellen zur Wissensproduktion lediglich Möglichkeiten darstellen, zu gleichberechtigteren Geschlechterverhältnissen zu kommen. Es gibt keine Notwendigkeiten; diese hängen vom Umgang der Menschen mit den Möglichkeiten ab. Nicht der Computer gibt die Entwicklungsperspektiven vor, sondern der Mensch mit der Entwicklung der Ressourcen, die in der Technologie selbst stecken. Insofern sind die Menschen sowohl Antreiber-innen wie auch Grenzzieher-innen in der Entwicklung neuer Technologien.

Der Hinweis auf Gefahren in der Entwicklung darf dabei nicht unterbleiben. Aufkommender Faschismus, Rassismus und Sexismus sind Entwicklungstendenzen, die besorgniserregend sind. Dennoch kann die Entwicklung direkter Demokratie und unmittelbarer Partizipation der Bürger-innen auch hier Voraussetzungen für Veränderungen schaffen. Nach der Überzeugung von Dieter Otten sind die Chancen zur Änderung noch nie so groß wie heute gewesen.

Bereits seit 10 Jahren führt Otten Untersuchungen zum veränderten Politikverständnis durch. Entgegen dem langjährigen Trend, sich dauerhaft politisch zu engagieren und in festen Strukturen mitzuwirken (etwa Parteien), setzt sich in letzter Zeit immer stärker der situative und interventionistische Ansatz durch, wonach sich spontan und konkret auf bestimmte Situationen hin Bürger-innen aktivieren, einbringen und sich danach anderen Fragen zuwenden. Als Beispiele nennt Dieter Otten etwa die Lichterkettenaktion in Deutschland oder auch den aktuellen Widerstand gegen die neue Bundesregierung in Österreich. Diese neue Form des "situativen Interventionismus" stellt eine kreative Überführung vom politischen Denken und Handeln in eine Alltagskultur dar, die gefördert und unterstützt werden sollte. Das Internet kann hierzu ein Medium bieten, diesen Interventionismus politisch kommunizierbar zu machen.

5. Was können insbesondere junge Menschen machen?

Dieter Otten ruft dazu auf, das zu tun, was man will. Die Zeit der festgelegten Erwerbsbiografien "von der Ausbildung bis zur Rente" sind unwiederbringlich vorbei. "Patchwork-Biografien", wie sie in weiblichen Lebensläufen schon immer gang und gäbe waren, erfassen nunmehr auch die Männer und werden damit zum Alltagserfahrungsgut.

Dieter Otten benennt einige Beispiele, die aufzeigen, dass eine Risikohaltung und ein Blick dafür, was angezeigt ist, durchaus auch ökonomisch tragfähig wird. Ein Weg könnte z.B. darin bestehen, die "Rendite des Wissens", also Kapital, welches sich rasend schnell in Aktien vermehrt, als Einkommensquelle anzusehen und sich daneben im politisch-gesellschaftlichen Leben selbst zu verwirklichen. Das Einkommen an der Börse realisieren und das Arbeiten, was einem/einer gefällt. Diese Entkopplung von Erwerbsarbeit und Einkommen schafft neue Voraussetzungen für die Entwicklung eines selbstbestimmten gesellschaftlichen Sektors, in dem gemeinwesenorientierte und politische Projekte gestaltet werden können. Dazu ist auch eine Qualifikationsoffensive für Jugendliche notwendig. Dieter Otten ruft die Jugendverbände dazu auf, Jugendliche und insbesondere die in den Jugendverbänden aktiven Leute selbst zu qualifizieren, sich mit den neuen Situationen und Technologien auseinanderzusetzen und einen Weg zu suchen, sie für eigene Interessen nutzbar zu machen.

Um die o.g. Chancen in der Entwicklung des Internets nutzen zu können, ist aus Sicht von Dieter Otten ein höheres politisches Präsenzniveau wichtig. Mehr direkte Demokratie entsteht nicht durch das Netz selbst, sondern nur durch Akteurinnen und Akteure im Netz. Komplementär zur Diskussion um mehr Regierung im Netz (e-government) fordert Dieter Otten die Entwicklung von mehr Demokratie im Netz (e-Demokratie oder e-democracy)!

Die Absicht, das Internet auch für Wahlen nutzen zu können, dient daher dem übergeordneten Ziel, das Internet zu öffnen für demokratische Prozesse, mehr Demokratie zu wagen.

In der sich anschließenden Diskussion werden einige Nachfragen im Blick auf Sicherheitsstandards beim Wählen im Internet gestellt. Dieter Otten führt dazu aus, dass die Osnabrücker Forschungsgruppe hierzu ein Patent entwickelt hat, welches mittlerweile vom Deutschen Patentamt anerkannt wurde. Es geht darum, Voraussetzungen zu schaffen, die Wahlen im Internet fälschungssicher und geheim durchführen zu können. Dazu ist die Einführung der sog. "Digitalen Signatur" entscheidend. Ähnlich dem Verfahren des Personalausweises, bei dem die Passnummer zur Identifikation beiträgt, kann über eine digitale Signatur sichergestellt werden, welche Person wählt und dass diese sich nur einmal an Wahlen beteiligt. Ein aufwendiges Verschlüsselungsverfahren sorgt dafür, dass die Daten der digitalen Signatur nicht entziffert werden können und fälschungssicher sind.

Eine weitere Frage thematisiert den noch immer nicht realisierten problemlosen Zugang für alle Menschen ins Internet. Dieter Otten antwortet darauf, dass die Gefahr der "Digitalen Gesellschaftsteilung" als Realität von Ein- und Ausgeschlossenen im Netz der Netze bereits real ist. Dabei spielen unterschiedliche Kriterien, wie soziale Schranken, Verbreitung des Netzes, Desinteresse etc. eine große Rolle. Bildungspolitisch hält Dieter Otten dieses Problem aber für lösbar; es gäbe auch keine Alternative zu diesem Weg. Die Möglichkeiten des Internets können demokratisch nur genutzt werden, wenn der Zugang für alle Menschen gleichermaßen realistisch und real ist.

Download der Beschlüsse

23. Vollversammlung am 04.03.2000 in Oldenburg: Alle Beschlüsse (PDF's) zum Download.

Der Kommentar:

Anlässlich der 23. Vollversammlung des ljr am 04.03.2000 in Oldenburg sagte Uwe Martens, Vorstandssprecher des Landesjugendringes:

»Auf einem Bein kann niemand gut und lange stehen. Das gilt nicht allein in der Kneipe, sondern auch in der Jugendarbeit: Spielbeine, bunte Projekte, große öffentliche Wirkungen kann nur erzielen, wer auch über ein gesundes Standbein verfügt, fitte Jugendgruppen, attraktive Bildungsangebote, spannende Projekte, Freizeitangebote, deren Standards von kommerziellen Anbietern nicht im Entferntesten erreicht werden können, ja marktwirtschaftlich begründet auch gar nicht angestrebt werden. Überzüchtete Spielbeine aber sind ebenso problematisch wie unterentwickelte Standbeine. Und deshalb gilt ein wesentliches Augenmerk der Arbeit des Landesjugendringes natürlich der Absicherung der Rahmenbedingungen für die Arbeit der Jugendverbände.

Das ist auch im Interesse der Ehrenamtlichen in den Jugendverbänden wichtig: In der repräsentativen Erhebung "Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit und bürgerschaftliches Engagement", durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wurde deutlich, dass Ehrenamtliche nicht zuerst Geld für ihre persönliche Arbeit wollen, sondern die Bereitstellung ausreichender Finanzmittel und anderer Ressourcen wie Räume, Ausstattung etc. für die Durchführung der von Ihnen geplanten Projekte. Das meinen wir mit der Aufgabe der Jugendverbände "Raumausstatter für Jugendprojekte" zu sein. Und natürlich haben hier die Politik und die Verwaltung eine wichtige Verantwortung.

Der Landesjugendring und seine Mitgliedsverbände haben sich stets um ein gutes, d.h. partnerschaftliches und kooperatives Verhältnis zu Politik und Verwaltung in Niedersachsen gekümmert. Nun sind allerdings bei der Förderung der Jugendarbeit Veränderungen zu erwarten: eine Novellierung des Jugendförderungsgesetzes steht bevor. Damit wird eine Diskussion über die bisherige, tragfähige Grundlage der Förderung eröffnet – mit ungewissem Ausgang.

Der Landesjugendring und seine Mitgliedsverbände erwarten von einer Novellierung des Jugendförderungsgesetzes eine qualitativ verbesserte Absicherung der Förderbereiche. Gemeint sind neben der Förderung von Bildungsreferent-inn-en, Verwaltungskosten und Bildungsmaßnahmen mindestens in bisherigem Umfang insbesondere eine gesetzliche Absicherung des SSG-Programms und die Überführung des Nds. Modellprojektes "Mädchen in der Jugendarbeit" in eine Regelfinanzierung.

Natürlich fordern wir auch mehr Geld. Schon immer mussten wir mit verhältnismäßig wenig Geld möglichst große Wirkungen erzielen. Kürzungen etwa im SSG-Programm haben dies zusätzlich erschwert. Wir fordern nicht schlicht Veränderungen, sondern Verbesserungen für die Arbeit der Jugendverbände! Und selbstverständlich erwartet der Landesjugendring eine umfassende Beteiligung an allen Phasen der Debatte. Entwürfe korrigieren ist unsere Sache nicht!

Einsparmöglichkeiten und Effektivierungen sind ausgereizt! Bei den geringsten weiteren Einschnitten in die bisherige Fördersubstanz des SSG-Programms kann es nicht mehr aufrechterhalten werden. Auch die Jugendverbände sind nicht mehr in der Lage, weitere Kürzungen zu verkraften. Gute Leistungen können nur mit einer angemessenen finanziellen Absicherung erbracht werden.

Ich kann das auch noch etwas deutlicher sagen: Das Ende der Fahnenstange ist erreicht. Wir brauchen keine Sonntagsreden. Wir brauchen keine Vertröstungen. Wir brauchen keine hohlen Phrasen. Wir suchen verlässliche und glaubwürdige Partner. Einschnitte jeder Art werden mit dem erbitterten Widerstand der Jugendverbände beantwortet.

Wir sagen: Hände weg! Wer sich an dem Standbein der Jugendverbandsarbeit vergreift, dem wird das Spielbein nichts mehr nützen!«