Modellprojekt zur Nachhaltigkeit des Jahrs der Jugend

Im Rahmen des „Niedersächsischen Jahrs der Jugend 2006” wurde durch zahlreiche örtliche Projekte und landeszentrale Veranstaltungen die Vielfältigkeit, Bedeutung und Notwendigkeit der Jugendarbeit in Niedersachsen unter Beweis gestellt. Über 500 Veranstaltungen wurden im Rahmen der Perlenkette von den verschiedenen Trägern der Jugendarbeit angeboten und damit wurde deutlich gemacht: Jugendliche wollen sich engagieren, sie sind aktiv, setzen sich für die Interessen und Bedürfnisse ihrer Generation ein, nehmen die Zukunft selber in die Hand und leisten damit einen wesentlichen Beitrag für das soziale Netz und die Freizeitangebote – nicht nur für junge Menschen – in Niedersachsen.

Das erfolgreiche Jahr der Jugend war Anlass für ein kleines Modellprojekt, um die positive Energie, die „Jugend 2006” für die Jugendarbeit entzünden konnte, nachhaltiger in den Strukturen der Jugendverbandsarbeit zu verankern. Die Schwerpunkte des Modellprojekts wurden dabei auf drei Bereiche gelegt, die für die Weiterentwicklung der Jugendverbandsarbeit von großer Bedeutung sind:

Von 2001 bis 2008 ist die Zahl der Ganztagsschulen in Niedersachsen von 134 auf 665 gestiegen (vgl. Niedersächsisches Kultusministerium, 2008, S. 5), insgesamt besuchen zz. 36,9% aller niedersächsischen Schüler-innen eine Ganztagsschule. Während von den Gesamtschüler-inne-n bereits heute 94,6% und von den Hauptschüler-inne-n 65,9% eine Ganztagsschule besuchen, liegt der Anteil in Realschulen und Gymnasien mit 48,4% bzw. 45,8% noch etwas unter der Hälfte (vgl. Niedersächsisches Kultusministerium, 2008, S. 6).

Die stark zunehmende Zahl der Ganztagsschulen führt dazu, dass sich auch außerschulische Träger der Jugendarbeit immer stärker mit der Kooperation mit Ganztagsschulen befassen und/oder sich mit den Folgen dieser Entwicklung auseinandersetzen müssen.

Zwar haben sich die Jugendverbände in Niedersachsen frühzeitig mit dem Thema befasst und am 02.11.2004 eine entsprechende Rahmenvereinbarung unterzeichnet, dennoch gab und gibt es in der konkreten Ausgestaltung der Kooperation immer wieder Probleme und neue Herausforderungen. Es sei an dieser Stelle nur auf das unterschiedliche Bildungsverständnis und die ehrenamtlichen Strukturen der Jugendverbände erinnert – aber auch an die Befürchtung vieler Aktiver, dass alles, was Schule anfasse, auch zu Schule werde.

Im Rahmen des Modellprojektes haben der BDKJ Diözesanverband Osnabrück und die Sportjugend in Stadt und Landkreis Osnabrück mit verschiedenen Ansätzen die Situation beleuchtet und neue Methoden der Kooperation erprobt.

Jugendverbände richten sich mit ihren Angeboten grundsätzlich an alle Jugendlichen – unabhängig vom Einkommen (der Eltern), dem Bildungsniveau oder der Herkunft. Dennoch gibt es oftmals unbeabsichtigte Hindernisse oder Beweggründe, weshalb benachteiligte und bildungsferne Jugendliche unterdurchschnittlich häufig an den Maßnahmen der Jugendverbände teilnehmen.

Als ein Grund seien an dieser Stelle die Zugangswege zu Jugendverbänden genannt: So kommen Fauser/Fischer/Münchmeier in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass 57% der Mitglieder im Jugendverband die anderen Gruppenmitglieder/ihre Freunde als wesentlichen Grund für die Mitgliedschaft anführen (vgl. Fauser/Fischer/Münchmeier, S. 143). Diese Freundschaften ergeben sich häufig über den gemeinsamen Schulbesuch und führen dazu, dass in den Verbänden häufig ein recht homogenes gehobenes Bildungsniveau zu finden ist (überwiegend Gymnasiast-inn-en).

Um diese Zugangsbarrieren etwas zu überwinden und ihre Angebote für junge Menschen mit besonderem Förderbedarf weiterzuentwickeln, haben die Jugendverbände und Jugendringe in Niedersachsen 2005/2006 das Förderprogramm „NextNetz” mit über 80 Mikroprojekten durchgeführt und dadurch ihre Strukturen für die Arbeit mit dieser Zielgruppe sensibilisiert und qualifiziert. Die beachtlichen Ergebnisse dieses Förderprogramms wurden im Rahmen der Abschlussveranstaltung, die als eine landeszentrale Veranstaltung auch in „Jugend2006” eingebunden war, präsentiert.

Im Rahmen des Modellprojektes zur Nachhaltigkeit des Jahrs der Jugend wurden daher auch diese Ergebnisse aufgegriffen. Die DGB-Jugend und die Naturfreundejugend haben in dieser Säule mit verschiedenen Ansätzen spezielle Teilgruppen angesprochen und neue Angebote entwickelt. So gab es Projekte zur besseren Bewältigung des Übergangs von Schule in das Berufsleben, zur Antirassismusarbeit mit Migrant-inn-en und zur Umsetzung von Gender Mainstreaming mit benachteiligten Jugendlichen. Ergänzend dazu wurde vom Paritätischen Jugendwerk Niedersachsen eine empirische Studie über Partizipationsformen benachteiligter Jugendlicher in der Jugend(verbands)arbeit durchgeführt.

In der dritten Säule schließlich hatten sich die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Niedersachsen e.V. (AEJN) und die Niedersächsische Jugendfeuerwehr (NJF) zum Ziel gesetzt, die Motive von jungen Menschen für den Eintritt in eine Jugendgruppe und die Bedeutung dieser Motive für die Gruppenarbeit etwas genauer zu erforschen.

Dabei sollten nicht nur neue Erkenntnisse über diese Motivlagen gewonnen werden, sondern es sollte zugleich eine Befragungsmethodik entwickelt werden, die zukünftig anderen Jugendverbänden eine einfache Befragung ihrer Mitglieder zu dieser Thematik ermöglicht. Das Forschungsvorhaben fußt auf den Erkenntnissen der Studie „Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit” (Vergleiche zu den Ergebnissen: Fauser/Fischer/Münchmeier) und sollte somit diese Studie um weitere wichtige Gesichtspunkte ergänzen: Der Ergründung der Motive für eine Mitgliedschaft in einem Jugendverband kommt angesichts immer differenzierterer Lebenssituationen junger Menschen und sich wandelnden Werte- und Interessenslagen Jugendlicher eine steigende Bedeutung zu. Zum einen sehen sich Jugendverbände zunehmend der politischen Anforderung ausgesetzt, bestimmte Zielgruppen (z.B. benachteiligte Jugendliche) stärker zu erreichen, und zum anderen belegt z.B. die Sinus-Milieustudie, dass die klassischen Stammmilieus der Jugendverbände (bzw. beispielhaft in der Studie die der katholischen Jugendverbände) kleiner werden (vgl. dazu Bund der Deutschen Katholischen Jugend und Misereor, S. 20ff) und Jugendverbände daher zum einen darauf angewiesen sind, dieses Stammmilieu zu sichern, zum anderen aber auch neue Milieus zu erschließen.

 

Drei Themenfelder also, die es jeweils für sich genommen wert wären, sehr viel mehr finanzielle und personelle Ressourcen aufzuwenden, um sich intensiver damit auseinanderzusetzen – zugleich sind diese aber auch nur ein Ausschnitt aus der Themenpalette, mit der sich die Jugendverbände in Niedersachsen zurzeit befassen.

In allen drei Säulen des Modellprojektes konnten wichtige Ergebnisse für die Jugendverbandsarbeit und die Jugendpolitik in Niedersachsen gewonnen werden; ergänzend wurden Handreichungen und Projektskizzen erarbeitet, die eine Übertragung und Weiterentwicklung der Projekte auf andere Jugendverbände ermöglichen sollen.

Die Arbeit der Modellprojekte und deren Ergebnisse werden in den folgenden Kapiteln ausführlicher dargestellt, so dass an dieser Stelle nur die wesentlichen Ergebnisse der einzelnen Säulen dargestellt werden sollen.

Kooperation von Jugendverbänden mit Ganztagsschulen

Das Gelingen von Kooperationsprojekten von Jugendverbänden mit Ganztagsschulen hängt von verschiedenen Faktoren ab, die durch die verschiedenen Arbeitsansätze in dieser Säule herausgearbeitet werden konnten. Zu diesen Faktoren gehören

  • ausreichende finanzielle, personelle und materielle Ressourcen – begonnen bei der Koordination der verschiedenen Angebote durch die Schule bis hin zu einer Kostenerstattung für die Jugendverbände und deren Ehrenamtliche/Honorarkräfte.
  • die spezielle Ausbildung und die kontinuierliche Begleitung und Beratung der Mitarbeiter-innen der Jugendverbände in diesen Projekten, da sich die Arbeit von der in den Jugendverbänden tlw. deutlich unterscheidet.
  • Eine hauptamtliche Struktur in den Jugendverbänden – das (Nicht)Vorhandensein von hauptamtlichen Mitarbeiter-inne-n auf der regionalen Ebene stellt sich zz. als „KO-Kriterium” für ein Engagement von Jugendverbänden an Schulen heraus.

Integration von benachteiligten und bildungsfernen Jugendlichen in die Jugendverbandsarbeit

Benachteiligte und bildungsferne Jugendliche sind keine in sich homogene Gruppe. Vielmehr gibt es verschiedene Kriterien, wieso Jugendliche einen besonderen Förderbedarf haben. Daher müssen sich auch die Angebote der Jugendverbände jeweils an eine bestimmte Gruppe richten und speziell auf diese zugeschnitten werden. Diesem Ansatz haben auch die Projekte von DGB-Jugend, Naturfreundejugend und dem paritätischen Jugendwerk Rechnung getragen. Für die Integration benachteiligter Jugendlicher und insbesondere auch für deren aktive Beteiligung in den Jugendverbänden ist eine gute personelle, möglichst kontinuierliche und hauptamtliche Begleitung notwendig – dies hat die Studie des Paritätischen Jugendwerks belegt.

Als gemeinsames Fazit der verschiedenen Ansätze innerhalb der Säule bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass dieses Aufgabenfeld auf Grund der Spannbreite der zu berücksichtigenden Aspekte und der Vielfalt der Zielgruppen auch zukünftig einer sehr genauen Betrachtung bedarf. Die Angebote der Jugendverbände stoßen dabei häufig an politische, gesellschaftliche, personelle und rechtliche Grenzen – hier sind die politisch Verantwortlichen auf den verschiedenen Ebenen gefragt, die immer wieder eingeforderte Integration gesamtgesellschaftlich voranzutreiben. Beispielhaft genannt seien an dieser Stelle nur die Schaffung von gleichen Zugangsmöglichkeiten zu den Bildungsangeboten für alle Kinder und Jugendlichen, der entschlossene Kampf gegen Kinderarmut und das weitere Vorantreiben der Gleichberechtigung der Geschlechter.

Motive für den Eintritt in eine Jugendgruppe

Die Motive für den Eintritt in eine Jugendgruppe konnten aufgrund von den im Bericht beschriebenen Komplikationen nicht so umfangreich erforscht werden, wie dies zu Beginn der Untersuchung angedacht war. Dennoch konnten aus der Studie wichtige Erkenntnisse für die Jugendverbandsarbeit gewonnen und bestehende Einschätzungen bestätigt werden.

Hinsichtlich der Gruppenstruktur konnte die Erhebung herausarbeiten, dass es einen Unterschied in der Erwartungshaltung, in den Motiven und der persönlichen Bindung an den Jugendverband zwischen den „normalen” Mitgliedern einer Jugendgruppe und denjenigen gibt, die eine engere Bindung an den Verband, sowie an dessen Leiter-innen haben und die bereit sind, sich stärker zu engagieren und aktiver in die Gruppe einzubringen. Daraus ergibt sich für die Praxis der Jugendverbände der Bedarf, sich mit den unterschiedlichen Anforderungen stärker auseinanderzusetzen, um dadurch zum einen den besonders Engagierten gerecht zu werden, zum anderen aber auch den weniger gebundenen Jugendlichen Mitwirkungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten zu bieten und deren Potenziale stärker zu nutzen.

Das Modellprojekt hat einmal mehr unter Beweis gestellt, dass die Jugendverbände in Niedersachsen in der Lage sind, mit geringen finanziellen Ressourcen beachtliche Ergebnisse zu erzielen. Das Projekt bot die Chance, in den drei Themenfeldern die Situation etwas genauer zu analysieren und exemplarisch neue Ansätze zu erproben.

Es wurde aber auch deutlich, dass Jugendverbände zwar mit ihren Angeboten einen wichtigen Beitrag zur vielfältigen Gestaltung von Ganztagsschulen und zur Integration von Benachteiligten und bildungsfernen Jugendlichen leisten können, dabei aber häufig auch an Grenzen stoßen. Diese Grenzen gilt es zu überwinden – nicht nur, um die Arbeitssituation der Jugendverbände zu verbessern und langfristige Strukturen entwickeln zu können – sondern vor allem auch im Interesse der Kinder und Jugendlichen, die von diesen Grenzen  mindestens ebenso stark betroffen sind.

Grenze 1: Soziale Benachteiligungen schränken Bildungschancen ein

Die Zugänge zu formeller, informeller und nonformaler Bildung sind abhängig vom Einkommensniveau der Familie. Die Schule als die zentrale Einrichtung der formalen Bildung führt häufig zu einer Selektion der Jugendlichen aufgrund des Geldbeutels. Die frühzeitige Verteilung der Schüler-innen auf die einzelnen Schulzweige hat dabei auch Auswirkungen auf die außerschulischen Bildungschancen. Freundeskreise von Jugendlichen entwickeln sich vor allem entlang der Klassengemeinschaft, diese wiederum sind ein zentrales Motiv für die Mitgliedschaft in einem Jugendverband und die Art des Freizeitverhaltens im Allgemeinen.

Die Integration von benachteiligten Jugendlichen scheitert also oftmals bereits in der Schule und schreibt sich dann in den außerschulischen Angeboten fort. Wird Integration tatsächlich politisch gewollt, muss deshalb vor allem die Integration in der Schule erleichtert werden.

Grenze 2: Politischer Anspruch und Realität klaffen auseinander

Immer wieder gelangen die Akteure der Jugendverbände zu der Erkenntnis, dass die formulierten politischen Ziele mit den strukturellen Begebenheiten nicht oder nur sehr schwierig zu erreichen sind. Dies gilt für die Ausstattung von Ganztagsschulen ebenso wie für die Integration von Benachteiligten (z.B. tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern, gleiche Bildungschancen,...).
Die Mitarbeitenden in den Projekten sehen sich daher immer wieder im Dilemma zwischen politischem Wunsch auf der einen und politischer und gesellschaftlicher Realität auf der anderen Seite.

Grenze 3: Kooperation von Ehren- und Hauptamtlichen

Nicht zuletzt durch die engere Vernetzung der jeweils regional tätigen Bildungsträger – sei es über die Ganztagsschule oder durch die Entwicklung lokaler Bildungslandschaften –  steigen auch die Kooperationsanfragen und -forderungen an Jugendverbände. Oftmals sind die Jugendverbände die einzigen Akteure, die fast ausschließlich mit Ehrenamtlichen arbeiten, während alle anderen Träger mit hauptamtlichen Strukturen ausgestattet sind. Auch wenn die Kompetenzen und Methoden der Jugendverbände für die Jugendbildung anerkannt sind und als wesentlicher Bestandteil regionaler Bildungslandschaften anzusehen sind, erschwert der strukturelle Unterschied die Mitwirkung von Jugendverbänden als gleichberechtigte Partner ganz erheblich.

Damit Jugendverbände diesen Anforderungen gerecht werden können, bedarf es einer besseren personellen und finanziellen Ausstattung – Kooperation „auf Augenhöhe” bedeutet auch eine gleichwertige Verfügbarkeit von Ressourcen.

Grenze 4: Kurzfristige Projekte statt langfristiger Perspektive

Im Rahmen des Modellprojektes wurden neue Bausteine und Handreichungen für die Jugendverbandsarbeit entwickelt, die nun in die Arbeit der Jugendverbände einfließen können. Diese erleichtern die Implementierung der Themen in die Arbeit der Verbände, gewährleisten aber nicht die dauerhafte Verankerung. Viele dieser Projekte waren nur durchführbar, weil dafür zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Dass jedoch ein kontinuierlicher Bedarf besteht, um z.B. Teamer-innen zu qualifizieren oder benachteiligte Jugendliche für ein verbandliches Engagement zu aktivieren, wird in den Berichten der einzelnen Säulen deutlich.

Notwendig ist daher eine langfristige Perspektive für die konzeptionelle Weiterentwicklung der Jugendverbandsarbeit im Kontext der niedersächsischen und regionalen Bildungslandschaften, die sich an den Interessen von Kindern und Jugendlichen orientiert.

Die Jugendverbände im Landesjugendring Niedersachsen e.V. haben daher das Projekt „neXT2020” auf den Weg gebracht, dessen Ziel es ist, eine längerfristige Perspektive für die Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen zu entwickeln und daraus die Konsequenzen für die Jugend(verbands)arbeit und politische Forderungen zu formulieren. In welchem Maße das Projekt gesellschaftlich wirken kann, wird vor allem auch davon abhängen, wie es politisch begleitet und befördert wird.

Abschließend lässt sich daher festhalten, dass im Rahmen des Modellprojektes drei zentrale Themenfelder der Jugendverbandsarbeit genauer betrachtet werden konnten, die in Zukunft an Bedeutung weiter gewinnen werden und die eine fachliche und politische Diskussion erforderlich machen.

Abschlussdokumentation des Modellprojektes