Sexuelle Vielfalt: Wichtiges Thema – nicht nur in der Schule

Der Niedersächsische Landtag befasste sich im Herbst 2014 mit der Sexuellen Vielfalt in der Schule – Anlass dafür war ein Entschließungsantrag (Drucksache 17/1333) der Fraktionen von SPD und Bündnis90/Die Grünen)

In dem Antrag heißt es u.a.: „Die Schule hat den Auftrag, alle Kinder und Jugendlichen in ihrer Individualität anzunehmen und bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen. Das gilt auch hinsichtlich der Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten und gleichgeschlechtlicher Lebensweisen. Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität müssen an der Schule verbindlich thematisiert werden, um alle Kinder und Jugendlichen bei der Entwicklung ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität zu unterstützen, gegenseitiges Verständnis zu fördern und Diskriminierung durch Ausgrenzung und Mobbing vorzubeugen.“ Es folgen dann sechs Handlungsaufträge an die Niedersächsische Landesregierung, u.a. eine bessere Qualifikation der Lehrkräfte im Themenfeld, eine angemessene Berücksichtigung der Vielfalt sexueller Identitäten in den Schulbüchern und Curricula sowie die verstärkte Durchführung von Schulaufklärungsprojekten.

In einer Stellungnahme begrüßt der Landesjugendring Niedersachsen den vorliegenden Antrag ausdrücklich. Gleichwohl greift es nach Auffassung des LJR zu kurz, der Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identität ausschließlich durch Bemühungen im Rahmen der Schule gerecht werden zu wollen.

Die Persönlichkeit junger Menschen wird vor allem auch im freundschaftlichen Miteinander und durch Angebote der Gleichaltrigenerziehung außerhalb des Unterrichts geprägt – Jugendverbände, Sportvereine und andere gemeinwesenorientierte Angebote für junge Menschen haben daran einen wesentlichen Anteil und sehen in dem Entgegenwirken von Diskriminierung eine wichtige Aufgabe. Die im Landesjugendring Niedersachsen e.V. zusammengeschlossenen Jugendverbände haben seit Jahrzehnten Erfahrung in der Anti-Diskriminierungsarbeit und setzen sich aktiv für Vielfalt und gegen Diskriminierung ein. Die Jugendverbandsarbeit in Niedersachsen konnte in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder wichtige Impulse für mehr Vielfalt und gegen Diskriminierung setzen: Programme wie das Mädchenprogramm oder „lebensweltbezogene Mädchenarbeit“ haben sich bereits vor etlichen Jahren nicht nur für die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen eingesetzt, sondern bereits Gender Mainstreaming in ihren Angeboten thematisiert; das Projekt „neXTgender“ hat sich auch der diversitätsbewussten Jugendarbeit gewidmet und aus einigen Projekten, die aus der Arbeit gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit entstanden sind, haben sich längst Projekte entwickelt, die gegen Diskriminierung in jeglicher Form arbeiten. Auch im Rahmen des Förderprogramms „Generation 2.0 – Engagement und Bildung in der Jugendarbeit“ konnten etliche Projekte gefördert werden, die sich mit sexueller Orientierung und Antidiskriminierung beschäftigt haben.

Für eine wirksame Arbeit gegen Diskriminierung ist es wichtig, dass junge Menschen in allen Lebenslagen die Chancen der Vielfalt begreifen und Unterstützung z.B. auch bei Fragen der sexuellen Orientierung finden. Jugendverbände als „Werkstätten der Demokratie“ sind unverzichtbare Bausteine für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft, denn hier erlernen junge Menschen wichtige Sozialkompetenz und werden so akzeptiert, wie sie sind. Vielfalt ist daher bereits heute auch ein wichtiges Thema in Juleica-Aus- und Fortbildungen sowie in anderen Bildungsangeboten der Jugendverbände.

Gleichwohl stoßen Jugendverbände bei der Arbeit für Vielfalt und gegen Diskriminierung auch an ihre Grenzen: Das schwul-lesbische und in Niedersachsen ausschließlich ehrenamtlich arbeitende Jugendnetzwerk „LAMBDA“ (Mitglied im Landesjugendring Niedersachsen e.V.) hat insbesondere in ländlichen Regionen große Schwierigkeiten, ein kontinuierliches Beratungs- und Unterstützungsangebot für schwule, lesbische, bi-, trans*- oder intersexuelle junge Menschen vorzuhalten, obwohl es gerade in diesen Regionen wichtig wäre, kontinuierliche Jugendgruppen und Unterstützungsangebote zu haben und diese Angebote nicht nur auf die großen Städte zu fokussieren. Aufklärungsangebote, die temporär in Schulen zu Gast sind und dort wichtige Arbeit leisten, können diese Lücke nicht schließen. 

Nach Auffassung des Landesjugendrings kann der aktuelle Antrag daher nur ein erster Schritt sein, um die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identität und noch immer vorhandene Vorurteile dagegen gesamtgesellschaftlich – über die Schule hinaus – stärker in den Blick zu nehmen. 

Stand: 05.09.2014

Stellungnahme des LJR

  • Stellungnahme zum Entschließungsantrag Lt.-Drs. 17/1333