Stellungnahme des LJR zum Handlungskonzept

Zu den Entwurf für ein Handlungskonzept der Landesregierung zum Demographischen Wandel hat sich der Landesjugendring wie folgt positioniert:

In der politischen Diskussion um den Demografischen Wandel wird bislang häufig der Focus auf ältere Menschen und auf Kinder gelegt; Jugendliche und junge Erwachsene werden nur selten ausreichend berücksichtigt. In einer alternden Gesellschaft muss aus Sicht des Landesjugendrings Niedersachsen e.V. jedoch den Interessen von allen jungen Menschen ein besonderes Augenmerk geschenkt werden. Damit die Zukunftschancen Deutschlands aber nicht in dem Maße abnehmen wie der Anteil junger Menschen, muss es das gesamtgesellschaftliche Ziel sein, die Jugend zu stärken und ihr optimale Startchancen in die Gesellschaft zu bieten. Dafür ist es aus Sicht des Landesjugendrings auch notwendig, das Wahlalter bei allen Wahlen zu senken, um den direkten politische Einfluss junger Menschen und deren Stimme zu stärken.

Der Landesjugendring Niedersachsen e.V. begrüßt es, dass das Land die besondere Bedeutung der Bildung für die zukünftige Entwicklung des Landes hervorhebt und dass dies auch in der Finanzplanung der öffentlichen Haushalte entsprechend zu berücksichtigen ist. Um insbesondere jungen Menschen eine umfassende, ganzheitliche Bildung zu ermöglichen, bedarf es eines guten Zusammenspiels der verschiedenen Bildungsorte, bei denen die Angebote und Leistungen der Jugendarbeit nicht unerheblich sind.

Insbesondere in den Jugendverbänden und anderen Gruppen der Jugendarbeit erwerben Jugendliche Sozialkompetenzen und lernen, sich in demokratischen Systemen zu bewegen. Dies sind wichtige Qualifikationen für das zukünftige Zusammenleben unserer Gesellschaft. Teamfähigkeit, Problem- und Konfliktlösungspotenziale, Belastbarkeit, Kreativität und partnerschaftliches Verhalten werden vor dem Hintergrund der sich wandelnden gesellschaftlichen Anforderungen (Mobilität, lebenslanges Lernen, …) immer wichtiger und sind darüber hinaus auch ein berufliches Qualifikationsmerkmal und ein wirtschaftlicher Standortfaktor.

Um jungen Menschen diese Bildungschance zu bieten, muss es auch in Regionen mit weniger Jugendlichen ein umfangreiches Angebot der Jugendarbeit geben. Dafür bedarf es einer entsprechenden räumlichen, personellen und finanziellen Ausstattung, die sich nicht an der Zahl der Jugendlichen bemessen darf – kleinere Gruppen und eine geringere Bevölkerungsdichte führen zu einem niedrigeren „Kostendeckungsgrad” und zu einem höheren Zuschussbedarf für die Angebote der Jugendarbeit.

Wie bereits dargestellt, muss unter Bildung mehr verstanden werden als nur die überwiegend formelle Bildung in Schule, Hochschule, Ausbildung und Beruf. Auch informelle und non-formelle Bildungsorte spielen eine wesentliche Rolle bei der Sozialisation junger Menschen. Der Landesjugendring Niedersachsen e.V. würde es daher begrüßen, wenn die Landesregierung auch in diesem Abschnitt auf nonformale und informelle Bildungsorte eingehen würde.

Der Landesjugendring Niedersachsen e.V. begrüßt den hohen Stellenwert, den die Landesregierung der Integration beimisst.

Unter anderem mit dem Programm „neXTkultur: Migration • Partizipation • Integration • Kooperation” trägt der Landesjugendring dazu bei, die Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund und die Arbeit der Migrantenjugendselbstorganisationen zu unterstützen. Bildung spielt für die Integration eine anerkannt wichtige Rolle; ebenso wichtig ist es aber, Teilhabe- und Partizipationsmöglichkeiten zu bieten und diese zielgruppenspezifisch auszubauen. Neben der transkulturellen Öffnung der „traditionellen” zivilgesellschaftlichen Organisationen ist es daher auch  notwendig, die Arbeit der Migrantenjugendselbstorganisationen und der Migrantenselbstorganisationen zu unterstützen und diese Organisationen in bestehende Netzwerke der Zivilgesellschaft zu integrieren. Im Rahmen des Projektes „neXTkultur” soll daher auch die  Sensibilisierung und Qualifizierung der ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden der Träger für eine strukturelle Integration befördert werden. Ferner ist es wichtig, dass Migrantenjugendselbstorganisationen, sowohl gegenüber ihren Erwachsenenverbänden als auch gesamtgesellschaftlich, als eigenständige Sprachrohre für die Interessen junger Menschen mit Migrationshintergrund ernst genommen werden.

Wir begrüßen ausdrücklich die klare Zielsetzung, dass Jugendarbeit ausgebaut werden soll. Das vom Landesjugendring koordinierte Förderprogramm „Generation 2.0 – Engagement und Bildung in der Jugendarbeit” ist ein wichtiger Baustein, um ehrenamtliches Engagement zu fördern und zu qualifizieren sowie neue Experimentier- und Bildungsfelder zu entwickeln.

Für die kontinuierliche Unterstützung, Begleitung und Beratung der etwa 25.000 Jugendgruppen in Niedersachsen und der über 50.000 ehrenamtlich Engagierten bedarf es aber auch dauerhafter und kontinuierlich geförderter Strukturen. Auf der Landesebene werden die Strukturen der Jugendverbände durch das Jugendförderungsgesetz verlässlich gefördert; dies ist eine wichtige Voraussetzung für die Unterstützung der ehrenamtlichen Strukturen der Jugendarbeit. Auf der kommunalen Ebene ist jedoch in den letzten Jahren ein deutlicher Rückbau solcher Unterstützungsstrukturen zu verspüren, die jedoch insbesondere in Regionen mit zurückgehenden Zahlen junger Menschen notwendig sind (siehe dazu auch unsere Anmerkungen zu 6.2). Der Landesjugendring Niedersachsen e.V. fordert daher seit Längerem die Einrichtung von „Regionalstellen für ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit” (vgl. dazu: Vision 2020: Förderung und Struktur der Jugendarbeit – mehr Engagement, bessere Vernetzung und weniger Bürokratie” in: neXTvision, Landesjugendring Niedersachsen 2011)

In der Aufzählung der vom Land ergriffenen Maßnahmen zur Unterstützung des Ehrenamtes fehlt nach Ansicht des Landesjugendrings die „Juleica” (Jugendleiter/in-Card):

Für den Bereich der Jugendarbeit ist die Juleica das zentrale Qualifikations- und Anerkennungsinstrument für ehrenamtliches Engagement. Mit über 22.000 gültigen Juleicas nimmt Niedersachsen im Vergleich zu den anderen Bundesländern die Spitzenstellung ein. Die von den  Trägern der Jugendarbeit durchgeführten Aus- und Fortbildungen zum Erhalt der Juleica motivieren und qualifizieren für die Übernahme von ehrenamtlichen Aufgaben; ferner sind mit der Juleica zahlreiche Vergünstigungen verbunden. Das Land unterstützte diese Bemühungen u.a. durch eine Imagekampagne und durch den jährlichen Juleica-Empfang des Ministerpräsidenten.

Insbesondere von jungen Menschen wird erwartet, dass sie mobil und bereit sind, für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz umzuziehen. Dies bringt vor allem in den Regionen mit einem schwachen Arbeitsmarkt starke Abwanderungen mit sich. Auch für die überwiegend ehrenamtlich getragene Arbeit der Jugendverbände und Jugendgruppen ist diese Entwicklung mit negativen Folgen verbunden: Junge Menschen verlassen mit Anfang 20 die Region und fehlen dort mit ihrem Engagement der Jugendarbeit.

Die Engagementsdauer und damit die Kontinuität der Angebote nimmt ab, das Durchschnittsalter der Engagierten geht zurück und junge Menschen werden früher in die Lücke und in die Verantwortung gebracht. Darüber hinaus macht auch das Freiwilligensurvey deutlich, dass es schwieriger wird, junge Menschen für ein ehrenamtliches Engagement zu gewinnen: Die Anzahl der Engagierten unter den 14- bis 19-Jährigen ist von 1999 bis 2009 von 38% auf 36% gesunken, zudem ist der monatliche Zeitumfang des ehrenamtlichen Engagements in dieser Altersstufe von 18 auf 16 Stunden zurückgegangen. 
Daher wir es z.B. immer schwieriger, junge Menschen zu finden, die sich in übergreifenden Gremien (Kreisverbände, Regionalverbände, Jugendringe) engagieren wollen, da dies traditionell Aufgaben sind, die übernommen wurden, nachdem sie zunächst in der Jugendgruppe oder in Basisaktivitäten engagiert waren.

Um jüngeren Menschen Hilfestellungen bei ihrem Engagement zu bieten, die immer schwierigere Aufgabe bewältigbar zu machen, und um die regionale und überregionale Vernetzung der Jugendarbeit und eine Kontinuität zu gewährleisten, muss die hauptamtliche Unterstützung für Jugendverbände und Jugendringe auf allen Ebenen ausgebaut und stärker öffentlich gefördert werden. Die Bedingungen erfordern verstärkte Anstrengungen der „Raumausstattung“ und personalen Unterstützung und keinesfalls geringere.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des demografischen Wandels wird in dem Handlungskonzept bislang nicht aufgegriffen: Durch das Altern der Gesellschaft droht die Bedeutung der Kinder- und Jugendpolitik schwächer zu werden. Eine kinder- und jugendfreundliche Gesellschaft muss aber die Interessen der nachwachsenden Generationen verstärkt in den Blick nehmen. Um Gehör in einer zunehmend alternden Gesellschaft zu finden, müssen Kinder und Jugendliche daher Zugang zu kinder- und jugendgemäßen Beteiligungsangeboten haben. Zugleich müssen sie auch die Chance haben, sich in diesem Bereich zu erproben und ausreichend ausgebildet zu werden.

Jugendverbänden fällt dabei eine wichtige Rolle zu, sie bieten innerverbandliche Mitbestimmungsmöglichkeiten und entsprechende Lernräume und vertreten die Interessen der jungen Menschen in der Öffentlichkeit. Dies alleine genügt jedoch nicht. Junge Menschen haben große Lust, sich einzubringen. Sie wünschen sich jugendgerechte Mitsprache- und Mitbestimmungsrechte – der „glüXtest” des Landesjugendrings im Vorfeld der Kommunalwahl 2011 hat deutlich gemacht, dass Jugendliche die jetzigen Möglichkeiten als nicht ausreichend ansehen.

Darüber hinaus verweisen wir auf unsere Stellungnahme zur demografischen Entwicklung im Rahmen der Anhörung durch die Enquete-Kommission „Demographischer Wandel – Herausforderung an ein zukunftsfähiges Niedersachsen” des Niedersächsischen Landtages.

Stand: Juni 2012

Entwurf der Handlungsempfehlungen

Der Entwurfstext der Handlungsempfehlung steht auf der Webseite der Niedersächsischen Landesregierung zum Download (PDF) bereit.