Hat die Zukunft noch Jugend?

Wie wachsen Kinder und Jugendliche auf? Wer oder was ist ihnen wichtig? Und welche gesellschaftliche bzw. politische Rolle wird ihnen zuteil? Seit jeher beschäftigen die Jugendarbeit und ihre Vertreter-innen diese grundsätzlichen Fragen. In diesem Zusammenhang stellt sich folgerichtig auch immer wieder die Frage nach einer passgenauen und zeitgemäßen Gestaltung von Strukturen, Angeboten und Methoden, die allen voran den jungen Menschen gerecht wird. 

In der Vergangenheit lag der Fokus dieser fachlichen Auseinandersetzung insbesondere auf Aspekten der Identitätsbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation junger Menschen sowie auf der Überlegung, welchen spezifischen Beitrag die Jugendarbeit zu diesen Aspekten leistet bzw. leisten kann. Das Zeitalter der Globalisierung und der digitalen Medien sowie die Auflösung standardisierter »Normbiografien« und die Vielfalt an möglichen Lebensformen waren dabei zuletzt wichtige Themen und Ansatzpunkte für das Handeln der Jugendarbeit. Aktuell drängen angesichts der sich abzeichnenden gesellschaftsstrukturellen Entwicklung aber noch weitere Fragen in den Vordergrund. Insbesondere die Zukunft des Handlungsfeldes sowie auch die Zukunft der Kinder und Jugendlichen selbst stehen dabei im Fokus. 

Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Politik ist dieses Thema mehr als präsent. Der Kern der Auseinandersetzung liegt dabei aber meist auf dem Gesundheits- und Pflegesystem oder reduziert das Thema fälschlicherweise auf Fragen nach einem gelingenden Alt-Werden sowie einem tragfähigen Sozialversicherungs- und insbesondere Rentenpaket. Eine jugendliche Perspektive oder zumindest die Betrachtung der Auswirkungen für junge Menschen gerät diesbezüglich oftmals aus dem Blick. Demografische Veränderungen und Fragen sind aber in besonderem Maße auch jugendrelevant und somit auch von Bedeutung für die Jugendarbeit. Dies müssen die Akteur-inn-e-n des Feldes in den Verbänden und Einrichtungen erkennen und gerade politisch aktiv vertreten. Politik muss in diesem Zusammenhang eindeutig auf die Bedeutung der Ressource »junge Menschen« sowie die Notwendigkeit eines intakten und positiven Generationenverhältnisses hingewiesen werden. Für ein gelingendes Aufwachsen und die Entwicklung sozialen Engagements sowie gesellschaftlicher Mitverantwortung spielen dabei qualifizierte ganzheitliche Bildungsprozesse sowie passgenaue Mitgestaltungs- und Beteiligungsstrukturen und -formen eine entscheidende Rolle. Diese müssen somit auch im Mittelpunkt des politischen Diskurses zum demografischen Wandel stehen. Initiiert und getragen werden diese Prozesse und Ansätze von Institutionen und Einrichtungen gerade im außerschulischen Bereich. Diese sind also umso mehr gefragt, entsprechende Herangehensweisen und Modelle für eine zukunftsfähige Gesellschaft (weiter) zu entwickeln, vorzustellen und konsequent auf deren Umsetzung zu dringen. 

Die Zahlen und Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Es geht nicht (mehr) darum, ob der demografische Wandel die Jugendarbeit in Niedersachsen betrifft. Es wird ohne Zweifel in Zukunft mehr ältere Menschen geben, die gleichzeitig auch durchschnittlich älter werden, und weniger Jugendliche – somit sinkt auch der Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung. Außerdem verlassen junge Menschen tendenziell den ländlichen Raum »zugunsten« der Städte und stellen beide Seiten somit vor spezifische Herausforderungen. Dies verändert unweigerlich auch die Jugendarbeit vor Ort. Viel mehr als die Frage nach dem »ob« drängen sich also die Fragen auf, in welcher Ausprägung und mit welchen Konsequenzen der demografische Wandel das Geschehen in Jugendverbänden, -einrichtungen und -initiativen landesweit sowie vor Ort beeinflusst.

Diese Fragen können in der Theorie jedoch nicht abschließend beantwortet werden, sondern erfordern eine Auseinandersetzung mit der konkreten örtlichen bzw. regionalen Situation, um auf dieser Grundlage verbindende gemeinsame Positionen und Aussagen treffen zu können, die dann auch übergreifend Wirkung entfalten. Es gilt entsprechend für alle Akteur-inn-e-n, sich prozesshaft mit den Bedingungen vor Ort auseinanderzusetzen und Strategien auszuarbeiten, wie mit der demografischen Entwicklung umgegangen werden soll. In diesem Prozess sind sowohl die Jugendarbeit als auch die Kommunalpolitik gefordert. Für beide Perspektiven werden nachfolgend daher einige Impulse zur Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel und zur Gestaltung der Strategieentwicklung vorgestellt.

Der demografische Wandel ist ein Thema für die Jugendarbeit. Dies wurde bereits deutlich. Mit Blick auf mögliche Ansatzpunkte bzw. -formen zur Bearbeitung dieses Themas vor Ort ergeben sich für das Handlungsfeld verschiedene Anforderungen, die dem internen Austausch und Diskussionsprozess eine Grundlage sowie die notwendige Struktur verleihen können. Einige dieser Anforderungen sind zur Orientierung nachfolgend aufgeführt:;

Wissen

Ein angemessener gemeinsamer Kenntnisstand der Akteur-inn-e-n der Jugendarbeit hinsichtlich der Zahlenlage und der abzusehenden Entwicklungen der Bevölkerungsstruktur vor Ort ist für eine konstruktive und zielgerichtete Diskussion unabdingbar. Hierzu müssen die notwendigen Daten zugänglich und es muss ein Forum zum diesbezüglichen Austausch bzw. zur Weitergabe durch Multiplikator-inn-en an die Praxis der Jugendarbeit vorhanden sein. Mögliche Orte könnten hier örtliche Jugendringe oder regionale Koordinierungsrunden, bestehend aus verbandlichen Vertreter-inne-n und der Jugendpflege, sein.

Sensibilität für Beteiligung und etablierte Strukturen

Sowohl hinsichtlich der Bedürfnislage junger Menschen als auch hinsichtlich bestehender Strukturen der Jugendarbeit gilt es, beim Thema Demografieentwicklung Sensibilität aufzubringen. Es ist notwendig, jugendliche Bedürfnisse und ihre Positionen sowie ihre Lebensbezüge und -welten weiterhin wahr- und ernst zu nehmen und diese auch adäquat zu vertreten. Dies bedeutet, auf verschiedenen Wegen und mit verschiedenen Mitteln dafür zu sorgen, dass die Belange und Interessen junger Menschen bei politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen – unabhängig von ihrer Ebene – berücksichtigt und eingebracht werden. Eine entscheidende Rolle kommt dabei den Jugendverbänden und Jugendringen zu, die von Natur aus eine entsprechende Funktion innehaben und diese im Zeichen des demografischen Wandels verstärkt bekleiden müssen. 

Gleichzeitig bedarf es einer respektvollen, wenn gleich konstruktiv kritischen Wahrnehmung dieser etablierten Strukturen – sowohl der eigenen als auch derer von weiteren relevanten Akteur-inn-en. In diesem Zusammenhang bedeutet Sensibilität also auch, nicht in blinden Aktionismus zu verfallen und sämtliche Abläufe sowie Strukturen gänzlich infrage zu stellen, sondern Prozesse und Maßnahmen zur Zukunftsgestaltung fachlich fundiert zu strukturieren und auf der Basis bestehender Bausteine in Aushandlungsprozessen mit den Jugendlichen und untereinander umzusetzen. 

Aktivität und Methodenkompetenz

Das Thema Demografie erfordert von der Jugendarbeit vor Ort eine aktive und methodisch kompetente Bearbeitung. Dies bedeutet auf der einen Seite, dass alle Vertreter-innen des Feldes hinsichtlich der benannten Themen Bildung und Beteiligung den politischen Handlungsauftrag ernst nehmen und sich aktiv in den Diskurs einbringen. Auf der anderen Seite muss auch das methodische Handwerkszeug zur Entwicklung und Etablierung geeigneter Formen und Strukturen vorhanden sein. Bedingung hierfür sind ein ausreichendes Qualifizierungsangebot für Fachkräfte sowie die benannte Bereitschaft der Aktiven vor Ort, sich mit alternativen Handlungsformen und neuen Themen auseinanderzusetzen. Dies gilt darüber hinaus auch für ehrenamtliche Jugendleiter-innen. Auch deren Bedarf an thematischer und methodischer Qualifizierung im Kontext Demografie und ggf. eine entsprechende Anpassung von Aus- und Fortbildungsmaßnahmen sowie deren Inhalten ist sinnvoll, um zukünftigen Herausforderungen gerecht werden zu können.

Netzwerkarbeit und Kooperationsbereitschaft

Entscheidend für eine gelingende Strategie einer zukunftsfähigen Jugendarbeit sind die Intensivierung von Netzwerken und die Erzeugung von Synergien. Hierbei sind unter Rückbezug auf die weiteren genannten Kriterien sämtliche Akteur-inn-e-n gefragt, Kooperationsbereitschaft aufzubringen, sich gegenseitig zu bereichern und Ressourcen zu bündeln.

Gezielte Weiterentwicklung

Trotz der zuvor beschriebenen Sensibilität für bestehende Strukturen erfordert ein konstruktiver und zukunftsorientierter Planungsprozess auch Offenheit der Beteiligten für strukturelle und prozessbezogene Veränderungen. Nur durch eine entsprechende Flexibilität kann es gelingen, zukunftsfähige Strukturen und Angebote aufzubauen und diese auch tragfähig zu gestalten. Eine wichtige Rolle können hierbei auch bereits angeschobene Prozesse im Kontext neuer Medien bzw. digitaler Beteiligungsformen spielen, die den demografischen Wandel als weiteren Einflussfaktor aufnehmen.

Auch für die Kommunalpolitik ist der demografische Wandel ein wichtiges Thema. Aus diesem Blickwinkel finden sich bezüglich einer strategischen Positionierung ebenfalls einige Grundvoraussetzungen, die für einen konstruktiven Diskurs zwischen den Beteiligten wichtig sind. Einige hiervon sind nachfolgend aufgeführt:

Stärkung der Beteiligung junger Menschen

Die Frage nach der Beteiligung junger Menschen an relevanten Entscheidungsprozessen ist eine der Kernfragen im Kontext der demografischen Entwicklung. Hierbei sind insbesondere auch die Kommunen und ihre politischen Organe gefragt, entsprechende Zugänge für junge Menschen zur Verfügung zu stellen und die Bereitschaft aufzubringen, Jugendliche mit einer Stimme und mit Entscheidungsmacht auszustatten. Eine Voraussetzung hierfür ist der Ausbau der Strukturen und der politischen Kommunikationswege von Jugendverbänden/Jugendringen als Plattform der politischen Interessenvertretung junger Menschen. 

Bedarfsorientierte Weiterentwicklung im Rahmen der Jugendhilfeplanung

Jugendarbeit ist unstrittig Teil der Daseinsvorsorge. Jungen Menschen müssen entsprechend passgenaue Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung stehen. Um diese auch in Regionen mit sinkendem Anteil junger Menschen aufrechtzuerhalten und den Bedarfen junger Menschen flächendeckend gerecht zu werden, sind oftmals zusätzliche finanzielle Ressourcen notwendig. Im Rahmen der Fortschreibung der Jugendhilfe sind die Bedarfe der jungen Menschen und der freien Träger der Jugendarbeit entsprechend zu erheben und in ein Gesamtkonzept einzubinden, das mit ausreichenden Ressourcen hinterlegt werden muss. Kommunen geben, völlig zu Recht, viel Geld aus, um »demografiefest« zu werden – dies darf sich aber nicht auf die seniorengerechte Weiterentwicklung der Infrastruktur beschränken, sondern muss auch junge Menschen und ihre Anliegen und Interessen berücksichtigen.

Öffnung für Förderperspektiven 

Für eine gelingende Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel und der Rolle der Jugendarbeit in diesem Kontext können auch Anpassungen bestehender Förderstrukturen sinnvoll sein. Hinsichtlich kommunaler Strukturen können hiermit u.a. bestehende Gebietsgrenzen in den Blick rücken. Für viele Träger stellen landkreisübergreifende Maßnahmen aktuell Hindernisse oder Herausforderungen dar. Hier müssen einfache und praxisnahe Modelle entwickelt werden. Ähnliches gilt bezüglich der Förderung von Maßnahmen, an denen nur wenige Jugendliche aus einer bestimmten Kommune teilnehmen, und mit Blick auf die Vielfalt gegenwärtiger Antragsverfahren in benachbarten Kommunen, mit denen ein Träger in Berührung kommt. Auch hier sind Anpassungen, Vereinbarungen und ggf. Prozesse der Vereinfachung gefragt.

Entbürokratisierung

Jugendarbeit, gerade im verbandlichen Kontext, initiiert und fördert ehrenamtliches Engagement. Diese Freiwilligkeit und Energie von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sich für Belange anderer junger Menschen einzusetzen, sieht sich oftmals bürokratischen Hürden ausgesetzt. Um den demografischen Veränderungen und auch den veränderten Engagementsstrukturen junger Menschen gerecht werden zu können, sind entsprechend unbürokratische Abläufe erforderlich. Einige Gruppierungen engagierter junger Menschen haben bspw. kaum Erfahrungswerte und Kenntnisse bezüglich administrativer und organisationsbezogener Prozesse, wie Förderanträgen, Controlling oder Dokumentation. Dafür müssen Modelle entwickelt werden, die den Zugang zu und die Förderung von Ehrenamt zulassen und gleichzeitig die Qualität von Angeboten der Jugendarbeit nicht infrage stellen.

Flexibilität

Jugend befindet sich im stetigen Wandel. Dies fordert nicht nur von der Jugendarbeit, sondern auch von der Kommunalpolitik eine ausreichende Flexibilität. Dies machen die weiteren genannten Voraussetzungen bereits deutlich. Politik und Verwaltung können über die Initiierung und Bestärkung von aufbau- und ablaufstrukturellen Veränderungsprozessen unter Berücksichtigung der Veränderungen jugendlicher Engagementsstrukturen dazu beitragen, dass die demografischen Entwicklungen erkannt sowie konstruktiv interpretiert und genutzt werden, um eine jugendgerechte Ausrichtung der gesamten Kommune sowie der angeschlossenen Institutionen und Anlaufstellen für junge Menschen zu ermöglichen.

Die zu erwartenden gesellschaftsstrukturellen Entwicklungen erfordern eine aktive Auseinandersetzung, bei der die zuvor benannten Aspekte Unterstützung und Orientierung sein können. Jugendarbeit bedeutet für sich gesprochen u.a. Freiwilligkeit, Offenheit, Aushandlung, Engagement, Interessenvertretung und politisches Bewusstsein – immer in Bezug auf junge Menschen. Daran ändern auch die demografischen Entwicklungen nichts. Jugendarbeit ist hier in einer herausfordernden Situation: Die Orientierung an den Lebenslagen junger Menschen bedeutet auch, ggf. Strukturen zu verändern und aufzubrechen, neue Wege zu beschreiten, sich immer wieder neu auszurichten und passgenaue Räume zur Aneignung für Kinder und Jugendliche zur Verfügung zu stellen – angesichts der bereits heute spürbaren Folgen des demografischen Wandels, wie z.B. den Veränderung von Ehrenamtsstrukturen sowie den Verläufen und Formen von Engagement, keine einfache Situation. Gerade junge Ehrenamtliche in die konzeptionelle Weiterentwicklung von Trägern unter dem Demografie-Aspekt einzubinden, obwohl diese ihren Schwerpunkt häufig in der Durchführung von Projekten und Gruppenstunden sehen, erfordert eine qualifizierte und professionelle Begleitung durch hauptamtliche Fachkräfte oder ältere Ehrenamtliche. Dies ist nicht immer leicht zu realisieren. Daher ist hier auch Politik gefordert, entsprechende Unterstützungsangebote zu finanzieren.

Doch die breite öffentliche Diskussion um den demografischen Wandel sollte auch als Chance gesehen werden: Die Bedeutung der Jugendphase und der Jugendarbeit als eigenständiges Sozialisations- und Erfahrungsfeld muss stärker in den Mittelpunkt gerückt und ein konsequenter Blick auf die Belange junger Menschen eingefordert werden. Hier kommt den Trägern der Jugendarbeit eine zentrale Aufgabe zu. Zugleich ist es auch sinnvoll, die eigenen Angebote, Strukturen und Partizipationsformen einem Demografie-Check zu unterziehen, um somit den einführend benannten Charakteristika des Feldes auch weiterhin gerecht werden zu können.

Aber: Die Jugendarbeit benötigt hierfür auch eine ausreichende Ausstattung und geeignete Rahmenbedingungen. Die angeführten Elemente für einen kommunalen/politischen Beitrag zur Diskussion sind hierbei zu berücksichtigen. Es heißt folglich für alle angesprochenen Akteur-inn-e-n, aktiv zu sein und sich konstruktiv in die politische und gesellschaftliche Zukunftsgestaltung einzubringen.

Eine Möglichkeit, die genannten Komponenten zur Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Demografie in der Jugendarbeit anzugehen und zu bearbeiten, könnte dabei für die Verbände und Gruppierungen auch die Qualifizierung und die Projektentwicklung im Rahmen des Förderprogramms Generation³ sein. Das Förderprogramm setzte im zweiten Halbjahr 2015 seinen inhaltlichen Schwerpunkt im Förderbereich Beteiligung auf das Thema »Demografischer Wandel«. Insbesondere auf übergeordneter regionaler Ebene bestehen hier das Potenzial und die notwendigen Ressourcen zur Entwicklung von verbandsübergreifenden, orts- und landkreisübergreifenden Modellprojekten aus dem Themenspektrum Demografie.

Stand: August 2015

Beschluss der 38. Vollversammlung „Zukunftschancen Jugendlicher sichern”

  • Beschluss „Zukunftschancen Jugendlicher sichern”
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