Ganztagsschulerlass 2014

Bis zum 18.03.2014 hatten verschiedene Organisationen und Verbände, u.a. auch der Landesjugendring Niedersachsen e.V., die Möglichkeit, Stellung zur Neufassung des Erlasses »Die Arbeit in der Ganztagsschule« und zur Änderung des Erlasses »Klassenbildung und Lehrerstundenzuweisung an den allgemein bildenden Schulen« zu beziehen.

Der LJR begrüßt grundsätzlich das Anliegen der Landesregierung, die Arbeit in der Ganztagsschule weiterzuentwickeln, zu mehr Klarheit und Sicherheit bei den Angeboten außerschulischer Partner und Fachkräfte in Ganztagsschulen beizutragen und mehrere Erlasse zu einem zusammenzuführen. 

Jedoch sind aus Sicht des LJR für ein bestmögliches ganzheitliches Bildungsangebot einige Veränderungen am Gesetzestext sinnvoll.

Der LJR bewertet die Orientierung der Ganztagsschule an den individuellen Lebens- und Lernbedürfnissen der Schüler-innen und die Stärkung ihrer Selbst- und Sozialkompetenz ausdrücklich als positiv. Wie auch mit dem Erlass intendiert, muss es Ziel eines umfassenden Bildungsanspruches sein, nicht nur die formale Bildung zu verbessern. Dazu tragen die Mitgliedsverbände des Landesjugendrings Niedersachsen seit Jahren u.a. auch in Form von Schulkooperationen mit Ganztagsschulen bei. Aus Sicht der Jugendarbeit sind dafür partizipative Strukturen und ehrenamtliches Engagement sehr wichtig. Damit dies jedoch auch im Ganztagskonzept erleb- und erlernbar ist, müssen zivilgesellschaftliche Organisationen an Schule gleichberechtigt sein und dürfen nicht gegenüber schulischen Angeboten benachteiligt werden. Im Gegensatz zu z.B. kommerziellen Anbietern oder Angeboten im Rahmen freier Dienstleistungsverträge haben die Angebote der Jugendverbände an Ganztagsschulen das Ziel, die Schülerinnen und Schüler an der Ausgestaltung der Angebote zu beteiligen und sie zu eigenem gesellschaftlichen Engagement zu motivieren. Angebote von zivilgesellschaftlichen Kooperationspartnern an Ganztagsschule sollten daher den Vorzug vor kommerziellen Partnern bzw. freien Dienstleistungsverträgen bekommen.

Bei der Organisation und Gestaltung des Ganztagskonzepts ist nach dem neuen Erlass eine flexiblere Stundentafel mit einer Rhythmisierung von Unterricht und außerschulischen Angeboten vorgesehen. Diese neue Regelung erschwert jedoch das Engagement von Ehrenamtlichen und auch von Schüler-inne-n als Teamende außerschulischer Ganztagsangebote sowie auch schulübergreifende Angebote. Auch das ehrenamtliche Engagement der Schüler-innen in ihren Jugendverbänden könnte hierdurch erschwert werden. Ferner ist zu klären, was die vorgesehene Rhythmisierung für die Dauer und den Ort außerschulischer Angebote bedeuten muss. In der Vergangenheit hat es sich bewährt, dass außerschulische Angebote der Jugendverbände konzeptionell auch außerhalb des Ortes Schule und mit einem anderen Zeitrahmen als dem »90-Minuten-Rhythmus« stattfinden konnten. Die Einbeziehung außerschulischer Lernorte ist auch im neuen Erlass gewünscht. Eine Flexibilisierung der Stundentafeln führt jedoch nach Auffassung des LJR auch dazu, dass schulübergreifende Angebote im Ganztag, die lt. Erlass ebenfalls möglich sein sollen, deutlich erschwert oder unmöglich gemacht werden. Dies birgt die Gefahr, dass der Freundeskreis von Schülerinnen und Schülern zukünftig noch stärker von der eigenen Schule abhängig ist und gemeinsame Bildungs- und Freizeitsituationen z.B. von Hauptschüler-inne-n und Gymnasiast-inn-en noch seltener werden. 

Mit dem neuen Erlass wird die Ganztagsschule verpflichtet, darauf zu achten, dass Unterricht und außerunterrichtliche Angebote inhaltlich und organisatorisch miteinander verzahnt sind. Auch soll sie ihr Bildungsangebot durch die Kooperation mit außerschulischen Partnern erweitern. Dies ist aus Sicht des Landesjugendrings ein wichtiger Beitrag zu einer umfassenden und subjektorientierten Bildung. Jedoch kann die Organisation und Koordination der außerunterrichtlichen Angebote  nach dem aktuellen Erlass nur auf Lehrkräfte oder andere Personen übertragen werden, die im Landesdienst stehen. Diese starke Rolle der Schule bei der Koordination des Ganztagskonzepts ist für den Landesjugendring nicht mit der aktuellen Diskussion um Bildungslandschaften vereinbar. Denkbar wäre hier eine Änderung des Erlasses zur Eröffnung der Möglichkeit des Abschlusses einer Leistungsvereinbarung mit einem freien Träger, in der auch Bedingungen wie z.B. die pädagogische Zielsetzung, einzubindende Partner etc. definiert werden würden. So würde die Gesamtverantwortung nach § 43 Abs. 1 NSchG unberührt bleiben. 

Ein Problem könnte sich auch nicht nur dann aus der 60/40-Regelung für die Kapitalisierung der Lehrer-innenstunden ergeben, wenn das Geld für Externe fehlt. Hier empfiehlt der Landesjugendring einen zusätzlichen Passus, nach dem es anzustreben ist, 25% der Lehrer-innenstunden zu kapitalisieren, um Angebote außerschulischer Partner im Ganztag zu finanzieren und umgekehrt den Schulen die Möglichkeit zu geben, auch einen höheren Anteil als 40% zu kapitalisieren.

Der Erlass sieht vor, das Ganztagsschulkonzept der jeweiligen Schule regelmäßig zu evaluieren. Der Landesjugend­ring geht davon aus, dass sich diese Evaluation auch auf die Angebote der außerschulischen Partner erstreckt. Hier wäre eine Konkretisierung wünschenswert. Auch bei der Evaluation muss zum einen die Eigenständigkeit der außerschulischen Kooperationspartner gewahrt bleiben und zum anderen dürfen Ehrenamtliche durch die Mitwirkung an der Evaluation nicht zusätzlich bürokratisch belastet werden. 

Auch bei der Finanzierung der Ganztagsschul-Angebote von freien Trägern sieht der LJR Nachbesserungsbedarf. Aus Sicht des Landesjugendrings müssen die Schulen die Kosten für die Angebote im Ganztag übernehmen – Ganztagsschulangebote dürfen für Jugendverbände kein »Zuschussgeschäft« sein. Die notwendige Option, Kooperationen auch ohne Kostenerstattung durch die Schule zu ermöglichen, sollte im Erlass erhalten bleiben, um nicht erlaubte Doppelförderungen auszuschließen, gleichzeitig darf durch den Erlass nicht der Eindruck entstehen, dass der Wert und die Qualität der »unentgeltlichen« Angebote außerschulischer Partner nicht so hoch einzuschätzen sind wie die kostenintensiveren Angebote. Auch eine Art Konkurrenzsituation über die Kosten sollte ausgeschlossen werden. Die Angebote der Jugendarbeit leisten einen großen Beitrag zur gelungenen Persönlichkeitsentwicklung sowie zur Stärkung der Selbst- und Sozialkompetenz junger Menschen. Wir haben in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass ehrenamtlich geführte Jugendgruppen/-verbände bei der Aushandlung der Rahmenbedingungen mit der Schule oftmals nicht als gleichberechtigte Partner gesehen und Kosten eingespart werden sollen.

Stellungnahme zum Erlassentwurf

  • Stellungnahme des LJR zum Entwurf des Erlasses

Nach OVG-Urteil: Außerschulische Partner stärken

Nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Lüneburg, das die Arbeitszeiterhöhung für Lehrende an den niedersächsischen Gymnasien für unrechtmäßig erklärt hat, ist es nach Ansicht des Landesjugendrings Niedersachsen nun an der Zeit, umzudenken und Lehrkräfte vor allem für den Unterricht und nicht für außerunterrichtliche Angebote einzusetzen.

Durch eine entsprechende Umverteilung der Lehrstunden könnte die Unterrichtsversorgung gewährleistet und außerschulische Partner gestärkt werden: »Gute Ganztagsschulen leben von einem vielfältigen außerunterrichtlichen Angebot, einer Verzahnung mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, von Freiräumen für die Entfaltung der Persönlichkeit und der Vernetzung mit anderen Bildungspartner-inne-n – deshalb ist es wichtig, dass die außerschulischen Partner-innen an niedersächsischen Ganztagsschulen bessere Rahmenbedingungen und Gestaltungsmöglichkeiten bekommen.«, so Vorstandssprecher Jens Risse.

Bereits in der Diskussion um den Erlass zur Arbeit in der Ganztagsschule hatte der LJR kritisiert, dass im Regelfall maximal 40% der für den Ganztagsbetrieb zur Verfügung stehenden Lehrstunden von den Schulen kapitalisiert werden können und 60% durch Lehrkräfte zu erbringen sind. Risse dazu: »Das damalige Argument des Kultusministeriums, dass die Lehrkräfte ja sowieso da seien und dadurch keine zusätzlichen Kosten entstehen würden, ist mit dem aktuellen Urteil zumindest teilweise obsolet.«

Daher fordert der Landesjugendring Niedersachsen e.V. (LJR) das Kultusministerium auf, Kooperationen von Ganztagsschulen mit außerschulischen Partnern stärker in den Blick zu nehmen und besser zu fördern.

Wenn die Landesregierung auch zukünftig eine starke Zivilgesellschaft mit engagierten jungen Menschen haben will, so hat sie nach Ansicht des LJR durch das Urteil nun die Chance, die Lehrkräfte nicht weiter zu belasten und Jugendverbände an Ganztagsschulen zu stärken. Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung, zum Erleben von Teamwork, die Motivation zum ehrenamtlichen Engagement von jungen Menschen und Freiräume, damit Schülerinnen und Schüler im Rahmen von AGs ihre eigenen Ideen umsetzen können, sind nach Auffassung des LJR wichtige Bestandteile einer umfassenden Bildung. Hier haben Jugendverbände nach Ansicht des LJR eine ausgewiesene Expertise, die sich an Ganztagsschulen bereits bewährt hat und zukünftig eine stärkere Rolle spielen kann. Daher fordert der LJR, dass hierfür die notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden müssen, um Jugendverbänden Angebote an Ganztagsschulen zu ermöglichen und diese angemessen zu vergüten.