Jugendarbeit muss Bestandteil von Bildungslandschaften sein!

Ständige Veränderungen prägen die Gesellschaft, in der  Kinder und Jugendliche heute aufwachsen. Unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Ethnien müssen sie in ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten unterstützt werden. Entscheidende Institutionen sind hierfür neben Familie und Schule auch die Träger  der Jugendarbeit. Die Verbindung von formaler, nonformaler und informeller Bildung zu einem gemeinsamen Ganzen tragen wesentlich zu individuellen Entfaltungs- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen bei. 

Grundlegend für die Position der Mitgliedsverbände des Landesjugendrings Niedersachsen ist das in den Bausteinen der AG Bildung des LJR formulierte Bildungsverständnis. So verstehen die Mitgliedsverbände des Landesjugendrings Niedersachsen unter „Bildung” den Prozess der Entwicklung der Fähigkeit, das eigene Leben im gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Zusammenhang kompetent und befriedigend zu gestalten. Dieser Prozess endet nicht mit dem Erreichen eines bestimmten Lebensjahres, sondern gilt für alle Altersphasen und Entwicklungsstufen. Entsprechend gehört auch die Entwicklung der Bereitschaft dazu, die eigenen Handlungsfähigkeiten auszuweiten und den sich stets neu stellenden Entwicklungsaufgaben aktiv zu begegnen. Jugendverbände stärken besonders vier Kompetenzbereiche: „Selbstbestimmung und Selbstverständigung”, ”Mitbestimmung und Mitgestaltung”, „Solidarität und Solidarisierung” sowie „aktive soziale und gesellschaftliche Verantwortungsübernahme”.  

Eine so verstandene Bildung

  • muss Bildung für alle sein, wenn sie tatsächlich als demokratisches Bürgerrecht und als eine Bedingung der Selbstbestimmung anerkannt werden soll.
  • muss einen verbindlichen Kern des Gemeinsamen haben, d.h., Bildung muss als Aneignung der die Menschen gemeinsam betreffenden Frage- und Problemstellungen verstanden werden, wenn Mitbestimmungs- und Solidaritätsprinzipien eingelöst werden sollen.
  • muss Bildung in allen Grunddimensionen menschlicher Interessen und Fähigkeiten sein, sofern das Grundrecht auf die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ gewährleistet werden soll.

Zudem wird auch in Anlehnung an den Beschluss der JMK vom 18./19.05.2000 im Folgenden von einem Bildungsverständnis ausgegangen, das die Eigenständigkeit der einzelnen Bereiche wie Schule, Familie und Jugendarbeit anerkennt, die gemeinsame Verantwortung  sieht und daraus sich ergänzende Angebote und Leistungen ableitet. 

Als Bildungslandschaft versteht der Landesjugendring ein Konstrukt aller im Bereich der jeweiligen Gebietskörperschaft vertretenen Organisationen, Institutionen und Vereine, deren Aufgabe Bildung, Erziehung oder Betreuung ist und die mit einem gemeinsamen Konzept zur Förderung und Organisation von Bildungsprozessen zusammen und auf „gleicher Augenhöhe” wirken. Dazu gehören u.a. die kommunalen Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung ebenso wie Träger der Jugendarbeit, weitere außerschulische Bildungsträger und Schulen. Gemeinsames Ziel ist es, mit den jeweils vorhandenen Kompetenzen die individuelle und institutionelle Förderung so zu gestalten, dass ein strukturierter und kontinuierlicher Bildungs- und Förderverlauf für Kinder- und Jugendliche sichergestellt werden kann. Bildungslandschaften sind politisch intendiert, regional realisiert und systematisch aufgebaut, d.h. auch mit normativen, operativen und strategischen Zielen versehen. 

Die kommunale Ebene ist der entscheidende Ort für Bildungsprozesse, da sich dort die Lebenswelt junger Menschen lokalisiert. 

„Eine gut ausgebaute, konzeptionell aufeinander bezogene und verlässlich miteinander verknüpfte Bildungsinfrastruktur, die über die formalen Bildungsinstitutionen des Lernens hinaus (z.B. Kindertageseinrichtungen, Schule, Ausbildung, Universität etc.) auch die Familie, Cliquen, Jugendclubs, den Umgang mit neuen Medien, freiwilliges Engagement in Vereinen und Verbänden, Weiterbildungsangebote, Musikschulen, Bibliotheken, Jugendkunstschulen, Museen als Orte kultureller Bildung etc. einbezieht, kann zur gesellschaftlichen Teilhabe der Bürger-innen eines Gemeinwesens und zu mehr Chancengerechtigkeit beitragen. Denn Bildungsförderung kann nur dann für alle erfolgreich sein, wenn sie über die Schule hinaus den Blick auf die Vielfalt der non-formalen und informellen außerschulischen Bildungsorte öffnet und diese einbezieht.”, so der „Deutsche Verein” zur Weiterentwicklung kommunaler Bildungslandschaften.

Dementsprechend müssen die auf dieser Ebene, sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum, stattfindenden Planungsprozesse wie z.B. die Jugendhilfe-, die Schulentwicklungs- oder die Raumplanung zu einem gemeinsamen Bildungsmanagement vernetzt werden. Die Pflege des Netzwerks sollten Bildungsbüros, die mit hauptamtlichem Personal für diese Aufgabe besetzt sind, übernehmen. Sinnvoll erscheint in diesem Zusammenhang die Nutzung bereits vorhandener Strukturen, um vorhandenen Bedürfnissen und Herausforderungen der Basis adäquat zu  begegnen und eine zielgruppenorientierte Vorgehensweise sicherzustellen. Dabei kommt dem jeweiligen Jugendamt in Abstimmung mit der/dem Kreisjugendpfleger-in bzw. der/dem Stadtjugendpfleger-in eine besondere Verantwortung zu. Diese Netzwerke sollten partizipativ orientiert sein. Kinder und Jugendliche sind beispielsweise an der Gestaltung ihrer Lernumgebung, wie Schule, kommunaler Raum, Bildungseinrichtungen, Museen, ebenso zu beteiligen wie an trägerübergreifenden Angeboten. Dabei ist darauf zu achten, dass ein Mehrwert für alle Beteiligten entsteht und es nicht zur Schwächung einzelner Beteiligter kommtDie haupt- und ehrenamtlichen Akteur-inn-e-n in diesem Bereich wirken gemeinsam oder zumindest aufeinander bezogen, wie z.B. in gemeinsamen Teams oder Fortbildungen. 

Zu berücksichtigen sind bei der Gestaltung von Bildungslandschaften die Zusammenhänge, die sich durch die Lebenswelten Jugendlicher ergeben. Dabei haben nicht zuletzt die PISA-Studien gezeigt, dass für die jeweilige Bildungsbiographie die soziale Herkunft eine bedeutende Rolle spielt. Dies ist in der fachpolitischen Diskussion auch erkannt worden, eine Konsequenz daraus ist die Forderung, ein Gesamtkonstrukt aus Bildung, Erziehung und Betreuung herzustellen, wie es in übergreifenden Bildungslandschaften möglich sein könnte. 

So sind alle Anstrengungen zu unternehmen, um allen Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft und ihren finanziellen Möglichkeiten als Basis für lebenslanges Lernen und Teilhabe an der Gesellschaft eine angemessene und umfassende Bildung zu ermöglichen. 

Die im Landesjugendring Niedersachsen e.V. zusammengeschlossenen Jugendverbände sehen, dass Schulen und Kommunen gegenwärtig mit vielen Aufgaben und Veränderungen konfrontiert sind. Die Kooperation mit außerschulischen Partnern bietet in dieser Situation die Chance, den gestiegenen Anforderungen zur Gestaltung einer für Kinder und Jugendliche förderlichen Bildungslandschaft in einer neuen Form der Aufgabenteilung gerecht zu werden. 

Im Sinne einer optimalen Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen müssen formale, non-formale und informelle Bildungsorte miteinander verbunden werden und zusammenarbeiten. Non-formale und informelle Bildungsorte müssen stärker als bisher als Bildungsorte anerkannt werden und als solche in entstehenden Bildungslandschaften von Beginn an mitgedacht und eingebunden werden. Eine gemeinsame konzeptionelle Entwicklung des Angebots und reflektierte Absprachen tragen zu einer Gewinn bringenden Zusammenarbeit bei. Die verpflichtenden und freiwilligen Bildungsangebote für junge Menschen bleiben dabei jeweils mit ihren eigenständigen Bildungsansprüchen, methodischen Settings und Arbeitsformen erhalten, die von den anderen Bildungspartnern ausdrücklich anerkannt werden. Neben der Vernetzung und Kooperation verschiedener Bildungsinstitutionen kann die Entwicklung einer Bildungslandschaft auch Gelegenheit bieten, zusätzliche Räume und Möglichkeiten für non-formale und informelle Bildungsprozesse zu schaffen. 

Ziel darf es dabei allerdings nicht sein, die gesamte Zeit junger Menschen zu verplanen, sondern vielmehr ihnen Angebote und Gelegenheiten zur Verfügung zu stellen, die zum Lernen – in welcher Form auch immer – anregen. Dazu ist es notwendig, Bildungslandschaften nicht nur in geografischen Maßstäben zu denken, sondern diesen Raum als flexibleres Gebilde zu begreifen. Auch virtuelle Räume spielen beispielsweise für junge Menschen eine wichtige Rolle und werden von ihnen als „realer” Raum im Alltag verstanden. Bildungslandschaften sind also vielschichtiger und beinhalten unterschiedliche Settings.

Dabei kommt auch der Jugendarbeit eine bedeutende Rolle zu. Das Bundesjugendkuratorium hat in der „Streitschrift Zukunftsfähigkeit” die bislang häufig unterschätze Bedeutung der informellen und non-formalen Bildung – wie sie in der Jugendarbeit geschieht – für eine ganzheitliche Bildung hervorgehoben. Daher muss außerschulische Bildung als gleichberechtigter Partner in der Bildungslandschaft gesehen und daher aufgewertet sowie stärker gefördert werden. Bildungslandschaften beruhen ganz stark auf dem Prinzip der partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf „gleicher Augenhöhe”. Daher ist es auch unabdingbar, dass alle Akteur-inn-e-n in Bildungslandschaften mit den materiellen, finanziellen und personellen Ressourcen ausgestattet werden, die sie benötigen, um ihren Beitrag zur Bildungslandschaft – und damit zur ganzheitlichen Bildung junger Menschen – leisten zu können. Ziel kann es nicht sein, außerschulische Partner zu „Lückenfüllern” in einem defizitären System zu machen. 

Einem unabhängigen „Bildungsbüro” kommt dabei nach Ansicht des Landesjugendrings die Aufgabe zu, die verschiedenen Partner der Bildungslandschaft zu koordinieren, die gerechte Verteilung der Ressourcen zu gewährleisten, die (Weiter-)Entwicklung der Bildungslandschaft zu steuern und kontinuierlich zu evaluieren.

Darüber hinaus weist der Landesjugendring Niedersachsen e.V. darauf hin, dass das Prinzip der Ehrenamtlichkeit ein entscheidendes Wesensmerkmal verbandlicher Jugendarbeit ist. Mehrere Studien belegen, dass ehrenamtliches Engagement in der Jugend in hohem Maße positiv zur individuellen Entwicklung beiträgt und sie sich später als Erwachsene deutlich öfter gesellschaftlich engagieren. Durch die Juleica-Ausbildung werden ehrenamtliche Mitarbeiter-innen qualifiziert und auf ihren Einsatz im Verband optimal vorbereitet. Sie verfügen durch ihre Ausbildung und Tätigkeit nicht nur über wichtige Kompetenzen zur Bewältigung individueller Anforderungen im Alltag, sondern auch z.B. über hohe Sozial- und Bildungskompetenzen, die in anderen Bereiche wie z.B. in Unternehmen unerlässlich sind. Das Bewusstsein hierfür muss bei den anderen Akteur-inn-e-n in diesem Feld geschärft werden, das ehrenamtliche Engagement Jugendlicher gefördert sowie die Freistellung ehrenamtlicher Mitarbeiter-innen verbessert werden, die eine leitende Aufgabe bei verbandlichen Angeboten in Bildungslandschaften wahrnehmen. 

Die Vernetzung der Jugendverbände in kommunalen Bildungslandschaften wird auf rein ehrenamtlicher Basis nicht möglich sein. Bildungslandschaften führen zu einem erhöhten fachlichen Austausch zwischen den Trägern, erhöhen den Kommunikationsaufwand und benötigen an vielen Stellen personelle Verbindlichkeit und Kontinuität. Hier stößt ehrenamtliches Engagement insbesondere dann an seine Grenzen, wenn die anderen Bildungspartner hauptamtlich arbeiten. Daher ist es aus Sicht des Landesjugendrings notwendig, dass z.B. die kommunalen Jugendringe finanziell und personell so ausgestattet werden, dass sie die Vertretung der Jugendverbände in den Gremien der Bildungslandschaften sicherstellen, die Information zu den Ehrenamtlichen weitertragen und diese für die neuen Aufgaben qualifizieren können.

Bildungslandschaften leben von der Vielfalt der Bildungsorte – Schule ist dabei ebenso ein Bildungsort, wie das Vereinsheim oder ein Zeltlager. Es kann daher nicht das Ziel von Bildungslandschaften sein, alle Bildungsangebote an den Schulstandorten zu bündeln. Jugendverbände können im Rahmen von Bildungslandschaften ebenso Angebote an (Ganztags)Schulen machen wie auch völlig eigenständige Angebote unterbreiten. Dies ist insbesondere daher von besonderer Relevanz, da die Ehrenamtlichen der Jugendverbände oftmals arbeitsbedingt keine Angebote zu Schulzeiten betreuen können.

Je besser die einzelnen Bildungsbereiche aufeinander abgestimmt sind und den Lebenswelten junger Menschen Rechnung tragen, desto höher sind die Chancen für alle Kinder und Jugendlichen auf ein gelingendes Leben.

Stand: Oktober 2010