Landeskonzept: Medienkompetenz in Niedersachsen – Meilensteine zum Ziel

Stellungnahme des Landesjugendring Niedersachsen e.V. vom 04.11.2011

Der Landesjugendring Niedersachsen e.V. begrüßt ausdrücklich die Bemühungen des Landes, dem revolutionären digitalen Wandel mit einem grundlegenden Konzept zur Stärkung der Medienkompetenz in Niedersachsen zu entsprechen. Damit befindet sich Niedersachsen im Einklang mit den vielfältigen Entwicklungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen im Bund und in den Ländern.


Der Landesjugendring hat bereits 1984 mit der Debatte um die sogenannten neuen Medien begonnen und 1997 mit seinem Kommunikationskonzept PROkom den gemeinsamen Start der Jugendverbandsarbeit in die Online-Welt vollzogen. In der Folge hat sich eine qualifizierte Basis für die notwendige Nutzung und strukturelle Integration der digitalen Medien weiterentwickelt, deren Ziel es ist, Kindern und Jugendlichen zielgruppengerechte Unterstützung und Qualifizierung in der »neuen Welt« zukommen zu lassen. 

Dabei versteht der Landesjugendring seine Rolle als die des Raumausstatters, Organisators, Wegbereiters und Katalysators. Die verschiedenen Web-Präsenzen  des LJR entsprechen auf dieser Grundlage den unterschiedlichen Anforderungen und Bedürfnislagen sowohl von Kindern und Jugendlichen als auch von erwachsenen Akteur-inn-en, schaffen Kanäle und befördern die geregelte Orientierung innerhalb eines ganzheitlich angelegten Systems der jugendgerechten Strukturgestaltung. Als zielgruppendifferente Knotenpunkte dienen dabei insbesondere:

  • jugendserver-niedersachsen.de – Verbandsübergreifend steht in Niedersachsen mit über 1.800 ehrenamtlichen jugendlichen und erwachsenen Redakteur-inn-en die Mitmach-Plattform Jugendserver Niedersachsen für digitale Information und Austausch, als Wissensarchiv und Unterstützungspool für Multiplikator-inn-en zur Verfügung. Als zentrale Vernetzungsplattform dient sie dem interdisziplinären Austausch in der Jugendarbeit.
  • myjuleica.de - Ehrenamtliche Jugendleiter-innen finden im Netzwerk myjuleica.de eine medienpädagogische, themenorientierte, nichtkommerzielle Community mit zahlreichen  Funktionen, die speziell auf die Erfordernisse der Jugendarbeit zugeschnitten sind, Strukturen und Angebote der Jugendarbeit abbilden und Engagierte bei der Organisation von Aktionen und des Gruppenalltags unterstützen. Ein besonderer Fokus in dieser Community wird auf die praxisnahe Vermittlung von datenschutzrelevanten Bezügen gelegt. 
  • ljr.de - Der strukturpolitische und organisatorische Rahmen sowie die formale Seite der Jugendverbandsarbeit in Niedersachsen wird durch die Homepage des Landesjugendringes Niedersachsen abgedeckt.
  • neXTfamilie.de - Rund ein Dutzend weiterer themen- und projektbezogener Online-Plattformen des Landesjugendringes bedienen vielfältige Anliegen der Partizipation, Vernetzung, Projektentwicklung, Projektbegleitung und Qualifizierung.  
  • Bundesweite Entwicklungen, Synergien, Beratungs-, Steuerungsfunktionen und Referenzen

Der digitale Wandel und auch die Medienkompetenzentwicklung sind als bedeutende Zukunftsfragen von globaler und nationaler Bedeutung. Der Landesjugendring engagiert sich daher seit Jahren auf der Bundesebene in verschiedenen Kompetenzzusammenhängen und nimmt hier an vielen Stellen auch die Vertretung niedersächsischer Interessen wahr. Dies gilt sowohl für die jugendpolitischen Arbeitszusammenhänge, als auch für den bundespolitischen Dialog (BMFSFJ), für die bundeszentrale Forschung und Entwicklung (DJI, etc.) und für die globale bundesweite Debatte.

  • Mit der Subkonferenz Jugendarbeit Online der Konferenz der Landesjugendringe in Deutschland und dem jährlich stattfindenden fachCAMP Jugendarbeit Online ist der LJR im aktiven Dialog mit den 16 Landesjugendringen der Länder sowie den Bundesorganisationen der Jugendverbände. Neben der bundesweiten Beratung einzelner Landesjugendringe zu Fragen der Medienkompetenz sind anknüpfende Themen wie Milieu & Web 2.0, Mediennutzung im Jugendverband (Juleica) in entsprechenden Workshops bundesweit nachgefragt.
  • In dem vom BMFSFJ gestarteten »Dialog Internet« arbeiten der Landesjugendring Niedersachsen und der Deutsche Bundesjugendring federführend als berufene Mitglieder in den Arbeitsgruppen Partizipation und Wissen mit. In der Diskussion um das medienpädagogische Manifest und der daraus folgenden bundeszentralen Veranstaltung »Keine Bildung ohne Medien« hat der Landesjugendring Niedersachsen die bundesweiten Überlegungen und Forderungen für eine Jugendarbeit Online eingebracht und war personell auf dem Podium vertreten. 
  • Mit der TU Dortmund und dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) ist der Landesjugendring im Forschungsprojekt »Veränderte Bedingungen des Heranwachsens als Herausforderungen für die Jugendarbeit«, welches u.a. auch die Rolle der medialen Sozialisation von Kindern und Jugendlichen untersucht, aktiv. Auch in der vorangegangene Studie »Engagement 2.0« der TU Dortmund/Deutsches Jugendinstitut (DJI) war der Landesjugendring im Auftrag der Bundesebene als Projektpartner für die wirksame Veränderung der Rahmenbedingungen für digitales Engagement innerhalb der Jugendverbände beispielhaft zuständig. Als Mitglied im Forschungsnetzwerk Liquid Democracy engagiert sich der Landesjugendring im Bereich digitale Partizipation und begleitet innerhalb seiner Mitgliedsverbände die Öffnung von Beteiligungsräumen in den Strukturen der Jugendarbeit. 
  • Auf den Media Tagen Nord, der norddeutschen Plattform für Austausch und Qualifizierung, sorgt der Landesjugendring Niedersachsen seit mehreren Jahren federführend für die inhaltliche Orientierung im Feld der digitalen Jugendarbeit. 
  • Der Landesjugendring Niedersachsen publiziert darüber hinaus in verschiedenen Fachpublikationen, zuletzt u.a. in der Zeitschrift merz, in der Fachzeitschrift für Jugendpolitik des DBJR und in weiteren landeszentralen Publikationen anderer Bundesländer. Der Landesjugendring betreibt die Konferenz-Communities der Landesjugendringe sowie das fachCAMP Jugendarbeit Online auf Bundesebene. 
  • Als mitwirkender Akteur ist der Landesjugendring auf zahlreichen Veranstaltungen vertreten: z.B. Socialcamp, Politcamp, re:publica, Conventioncamp und sorgt so für den kontinuierlichen Austausch und die Qualifizierung im Bereich digitaler Jugendarbeit (Jugendmedienstaatsvertrag, Ergebnispapier Digitale Jugendbildung - Keine Bildung ohne Medien, etc.).

Der in der Einleitung als Definitionsgrundlage zitierte Medienkompetenzbegriff von Dieter Baacke wird im allgemeinen Sprachgebrauch oft nicht differenziert genug verwendet und muss spätestens angesichts der Entwicklungen in unserer digital geprägten Gesellschaft auf den aktuellen Stand gebracht werden. Das BMBF unterscheidet die »Kompetenzen in einer digital geprägten Gesellschaft« nach:

  • Information und Wissen
  • Kommunikation und Kooperation
  • Identitätssuche und Orientierung
  • Digitale Wirklichkeiten und produktives Handeln

Damit wird auch der Erkenntnis entsprochen, die der Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger im Oktober 2011 entfaltet: Zwei Grundannahmen, die gerne auch für den digitalen Wandel in anderen Teilen der Gesellschaft genutzt werden, sind sehr beliebt. Entweder wird impliziert, dass da etwas ganz Neues gekommen sei und alles Alte ersetze, oder es wird davon ausgegangen, dass das Alte durch etwas Neues ergänzt werde, quasi als Anbau an das Bestehende. Beide Grundannahmen sind nach Krüger falsch: Im digitalen Wandel wird das Bestehende nicht ersetzt oder ergänzt. Das Neue verändert das Bestehende. Das macht den digitalen Wandel viel gewichtiger und komplexer, als es manche Diskussionen vermuten lassen.

Wir haben es also insgesamt mit einer grundlegenden inhaltlichen Dimension und erst in zweiter Linie mit einer technischen zu tun. Letzteres wird jedoch in dem Medienkompetenzpapier deutlich überbetont. Aus Sicht des Landesjugendring Niedersachsen gehört der Blick verstärkt auf die Chancen in der Nutzung digitaler Medien gerichtet. So hat schon der durch die Bundesregierung initiierte Dialog Internet, an dem der Landesjugendring beteiligt war, in seiner Zuordnung zwischen Chancen und Risiken Medienkompetenz eindeutig den Chancen zugeordnet. Es geht darum, wie auch schon im vorliegendem Konzept der Meilensteine festgehalten, die Rahmenbedingungen eines freiheitlichen Mediums zu schützen und Vertraulichkeit und Integrität in den Netzwerken sicherzustellen. Hier sind sowohl der Staat als auch regionale Konzepte medienkompetenter Projekte gefragt, zeitgemäße Regelungen und Sensibilisierung in der Gesellschaft zu fördern. Es gilt mobilisierende Aktionen und den selbstbestimmten Umgang mit dem Netz zu fördern sowie Bildungsangebote zu verankern. Dazu gehören neben der Vermittlung und Festigung von Medien-, Informations- und Sozialkompetenz auch die Öffnung von Strukturen, die einen zeitgerechten Umgang im digitalen Austausch gewährleisten (u.a. Open Government, Open Data).

Neben den hier sehr verkürzt dargestellten grundlegenden Anmerkungen zum Gesamtpapier beziehen wir uns nachfolgend wie gewünscht auf das Kapitel IV. Familie, Jugendarbeit, Jugendschutz.

Zu 1. 

Medien-, Informations- und Sozialkompetenz sind Fertigkeiten, die Kinder und Jugendliche häufig in außerschulischen  Feldern erwerben. Hier steht an erster Stelle die Jugendarbeit, sowohl die der öffentlichen Träger als auch die der in Niedersachsen sehr gute organisierten Angebotsstruktur des Landesjugendringes bzw. der Jugendverbände. Neben der im Konzept ausführlich beschriebenen Qualifizierung von Eltern (Eltern-Medien-Trainer, Elterntalks) gilt es aus unserer Sicht vornehmlich, Angebote und Erfahrungsräume in jugendlichen Erlebenswelten zu verankern und zu standardisieren. Das heißt zuerst, ehrenamtlich und hauptamtlich in der Jugendarbeit Aktive zu qualifizieren und das Potenzial von Peer-To-Peer-Angeboten im Blick auf die Chancen zu erweitern. Nicht nur Cyber-Mobbing-Szenarien sind geeignet, Jugendliche in ihrer Medienkompetenz zu stärken; insbesondere die in Niedersachsen aktiven 50.000 Jugendleiter-innen, davon 25.000 mit einer aktuellen Jugendleiter-innen-Card (Juleica), gilt es nachhaltig in ihren vielfältigen Aktivitäten medienpädagogisch zu unterstützen. Diese Ehrenamtlichen sind als Multiplikator-inn-en an der Basis von Kinder- und Jugendwelten aktiv und können als Gleichaltrige den verantwortungsbewussten Umgang mit Medien vorleben! 

Der Landesjugendring hat mit neXTmedia in Kooperation mit der NLM eine erste Initiative für Medienkompetenz in der Jugendarbeit gestartet und erfolgreich implementiert. Etwa 70 mediascouts sind thematisch qualifiziert und im Land verteilt. Jugendleiter-innen können medienpraktische Workshops und medienpädagogische Angebote in ihre Seminare integrieren. Dies ist jedoch quantitativ bei Weitem nicht ausreichend und braucht zudem stetige Erneuerung.  Ein Unterstützungs- und Förderungskonzept muss daher das bedeutende Feld der außerschulischen Jugendarbeit der Jugendverbände verstärkt in den Blick nehmen. Parallel ist eine nachhaltige Verankerung von Medienkompetenz als Querschnittsthema in der Juleica-Ausbildung anzustreben. Damit würde das Land einen richtungsweisenden Impuls für die strukturpolitisch verankerte medienkompetente Qualifizierung geben. 

Jugendarbeit ist freiwillig und ehrenamtlich und findet daher immer im außerschulischen Bereich, also in der Freizeit, statt. Dem ist bei allen qualifizierenden Maßnahmen Rechnung zu tragen. Die vom Landesjugendring ausgebildeten mediascouts sind in den verbandlichen Strukturen beheimatet und stellen für den außerschulischen Bereich kompetente Ansprechpartner-innen zur Verfügung. Es liegt also nah, die mediascouts und weitere Medien-Multiplikator-inn-en aus dem Feld der Jugendverbandsarbeit mit in das Konzept der Medienkoordinator-inn-en aufzunehmen, die bislang mit Fachkräften von Medienzentren, Bildungseinrichtungen oder Jugendämtern gedacht sind. Hier sollte das Unterstützungskonzept jugendarbeitsgerecht angepasst werden. Das beinhaltet auch eine Öffnung hin zu den etwa 200 Jugendringen in Niedersachsen. Zudem stellt sich die Frage ob die Inhalte der modularen Fortbildungsreihe für Medienkoordinator-inn-en ausreichend die Strukturen der Jugendarbeit nutzen. Hier sind mindestens unter Berücksichtigung der durch den öffentlichen Träger nach KJHG wahrzunehmenden Gesamtverantwortung und im Sinne des Subsidiaritätsprinzips die Bedarfe freier Träger der Jugendarbeit angemessen zu berücksichtigen, wenn es darum geht, jugendgerechte Angebote und Schwerpunkte als Qualifizierungsbaustein anzubieten. 


Zu 2.

Medienkompetente Kinder und Jugendliche brauchen Erfahrungsräume, um ihre Kompetenzen auszuprobieren und zu leben. Diese Form von Beteiligung benötigt Feedback. Quasi-Spielflächen, wie etwa die Installation selbstentworfener Homepages, erscheinen unter den Aspekten von Selbstwirksamkeit, Resonanz und Sinnhaftigkeit nicht besonders vielversprechend. Wenn Kinder und Jugendliche digitale Medien ganz selbstverständlich in ihrer Lebensrealität nutzen und wenn wir die digitalen Möglichkeiten als veränderndes (revolutionäres) Element betrachten (siehe Open-Data in Kommunen etc. pp) dann müssen auch adäquate zukünftige Beteiligungsflächen auf kommunaler und landespolitischer Ebene geschaffen werden. Anderenfalls professionalisieren wir weiterhin nur auf der »Social-Network-Ebene« . 

Jugendliche sind zu 84% in sozialen Netzwerken vertreten (JIM-Studie 2010); Informationen stehen damit dichter und näher als jemals zuvor zur Verfügung. Zukünftige Belange von Kindern und Jugendlichen wie Ausbildung, Studium, Job, Beziehung und politische Teilhabe sind unmittelbar mit den digitalen Ressourcen verknüpft. Wollen wir in unseren realen Lebenswelten den Anschluss daran verpassen oder nutzen wir die Chance, Kindern und Jugendliche in die Gestaltung mit einzubeziehen? Wenn wir die Chancen befördern, dann müssen Jugendzentren, Verbände und Jugendorganisationen ihre Strukturen für Beteiligung digital erweitern, dann müssen Kommunen und Verwaltungen offene Schnittstellen für Partizipation anbieten, dann muss Politik im Blick auf das Gemeinwesen stärker politisch und partizipativ werden. 

Jugendverbände initiieren den Prozess der digitalen Öffnung bereits seit Längerem. Voraussetzung dafür ist das Aushandeln geeigneter Haltungen, z.B. zu den Themen Öffentlichkeit, Privatheit, Freiheit und die Ausformulierung damit verbundener Chancen unserer demokratischen Ordnung. Kommunale Beteiligungsprojekte, die Bereitstellung öffentlicher, anonymisierter Daten, ein öffentlicher Zugang zum Internet, nicht nur (Digitale Divide), aber auch vor allem in Einrichtungen der Jugendarbeit wären die nächsten Ziele, die einer zeitgemäßen Netzwerk- und Wissensgesellschaft  entsprächen. Bislang fehlen diese Rahmenbedingungen. Hier würde sich der Landesjugendring eine Qualifizierung der »Meilensteine« wünschen.

Fazit: Der im Kapitel IV. beschriebene Inhalt wird der Überschrift nicht gerecht, da hier fast ausschließlich Maßnahmen und Aktivitäten der Elternarbeit und des Jugendschutzes besprochen sind. Von der nötigen strukturellen Verankerung und der Qualifizierung der Organisationen der Jugendarbeit ist keine oder kaum die Rede. Damit wird die aus unserer Sicht entscheidend relevante Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen fast nur unter dem Blickwinkel der Risiken und der Kontrolle, nicht jedoch unter dem der Begleitung, Qualifizierung und Strukturoptimierung betrachtet. Hier halten wir eine grundlegende Korrektur und die Entwicklung spezifischer Förder- und Unterstützungskonzepte für zwingend erforderlich.