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Mediatage Nord: Pädagogischer Jugendmedienschutz

Die Notwendigkeit, Heranwachsende vor medialen Inhalten, die ihre Entwicklung negativ beeinflussen, zu schützen, steht außer Frage. Bei der aktuellen und zu erwartenden Fülle und der Vielfalt der Verbreitungswege medialer Inhalte stößt die bisherige Praxis oft an ihre Grenzen. Verbote oder Indizierungen reichen nicht mehr aus.

Vorgeschlagene Lösungen, wie eine Verschärfung des Jugendschutzes mit dem Einsatz von jugendlichen Testkäufern oder der Forderung nach einem Deutschland-Web (getrennte Angebote für Erwachsene und Jugendliche im Internet) bestärken einen restriktiven und hierarchischen Ansatz. Demgegenüber stehen medienpädagogische Haltungen mit der Forderung nach mehr Kompetenzentwicklung bei Kindern und Jugendlichen und deren Bezugspersonen wie Eltern und Lehrern.

In dieser Debatte geht es letztendlich auch um die demokratischen Werte unserer Gesellschaft: Restriktionen stehen in ihrer Zuspitzung dem Artikel 5 GG (Rezipientenfreiheit) diametral entgegen, fördern aber in ihrem bewahrenden Charakter das Sicherheitsbedürfnis in einer Zeit der massiven medialen Veränderung. Pädagogische Ansätze, die freien Zugang in Verbindung mit Medienkompetenzstärkung fordern, werden oft als systemveränderndes Element bedrohlich gewertet.

Im Rahmen der Mediatage Nord in Kiel veranstaltete der Landesjugendring Schleswig-Holstein in Kooperation mit dem Landesjugendring Niedersachsen eine Tagesveranstaltung zum Thema »Pädagogischer Jugendmedienschutz«. Torsten Cott, Leiter des okj (Offener Hörfunkkanal Jena) informierte die Teilnehmer-innen im ersten Teil umfassend über die bestehenden gesetzlichen Regelungen und wies in seinem Referat ebenfalls auf die gerade erschienenen Ergebnisse der Evaluation des deutschen Jugendmedienschutzsystems (Hans-Bredow-Institut) hin. Ausgehend von der Struktur der deutschen Medienlandschaft verortete er anschließend die Position des Bürgerrundfunks und stellte die medienpädagogische Arbeit des Projektes Rabatz vor. Dabei lag der Schwerpunkt der Präsentation auf der Darstellung der Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen unter dem Gesichtspunkt der Medienkompetenzentwicklung.

Im zweiten Teil der spannenden Veranstaltung wurden Inhalt und praktische Medienproduktion zu einer Einheit und zu einem praktischen Beispiel für die Entwicklung nachhaltiger Medienkompetenz. Von der Idee über die Produktion bis zur Ausstrahlung hatten in einer dreistündigen Arbeitsphase die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung alle Rollen einer anspruchsvollen Medienproduktion selbst zu übernehmen: von der Konzeptentwicklung bis zur Chefredaktion, vom Straßeninterview bis zum Fernsehtalk, vom Moderator bis zu den Talkgästen, vom Ton- und Filmschnitt bis zur Ausstrahlung.

Mit einem Straßeninterview im Radioformat und einem live produzierten fiktiven Fernsehtalk fand die Veranstaltung ihren Höhepunkt und Abschluss. Die Positionen der beiden Talkgäste in der Will-Show standen sich am Ende unversönlich gegenüber: Verbote, staatlich Kontrolle und Online-Durchsuchung gegen die Entwicklung nachhaltiger Medienkompetenz bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Im wahren Leben waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer allerdings völlig einig: nur über eine Stärkung und den Ausbau der qualifizierenden und vorbeugenden Kinder- und Jugendarbeit kann den aktuellen und zukünftigen Problembereichen der Mediennutzung erfolgreich begegnet werden. Verbote helfen nicht;
dies hat Prof. Franz Josef Röll im Trendshop Jugendarbeit, PROduktion:Demokratie des Landesjugendringes Niedersachsen mit vielen Beispielen überzeugend belegt und deutlich gemacht, dass es auf die Förderung und Entwicklung grundlegender Medienkompetenz ankommt:

»Die Einzelnen müssen sich erst einmal bewusst werden, wie sie selbst Welt abbilden. Man nimmt so viele Medien auf und hat eine Überzeugung, eine Meinung, eine Vorstellung. Oftmals sind aber die Vorstellungen aufgrund von Erfahrungen und Medien-Erinnerungen produziert und man glaubt, dass diese Meinung die einzige ist.
Der richtige Umgang mit diesem Problem erfordert Medienkompetenz, nämlich

  • zu lernen, dass die eigene Meinung eine von den Medien produzierte ist;
  • zu lernen, sich mit den Medien und ihrer Wirkungsweise auseinanderzusetzen, zu erkennen dass Medien manipulieren können, Mediensysteme zu durchschauen und Reflexionskompetenz entwickeln;
  • zu durchschauen, dass Realität eine Konstruktion des Wahrnehmungssystems ist und dass die Medien das komplexer machen, dass es eine Hyper-Realität gibt, dass Wirklichkeit und Medienrealität sich miteinander vermischt;
  • zu lernen, wie ein Computer funktioniert. Hypertextuale Kompetenz erwerben;
  • sowie Handlungskompetenz bei der Aneignung der Medien, und dies auf eine verantwortliche Weise.«