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Optimismus und gesellschaftliche Teilhabe sind käuflich

„Die Jugend trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise”, die „junge Generation in Deutschland bleibt zuversichtlich”, das „Interesse an Politik steigt wieder leicht an”, „mehr soziales Engagement”: Auf den ersten Blick geben die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie 2010 Grund zur Freude. Doch es lohnt sich, den Blick hinter die Schlagzeilen zu werfen.

Denn dort kann man dann z.B. lesen, dass die größer werdende soziale Kluft immer stärker die Lebenswelt junger Menschen prägt: Während durchschnittlich 59% aller Befragten optimistisch in die Zukunft blicken (+9% im Vergleich zu 2006), sind es bei den Jugendlichen der Unterschicht nur 33% (-2%), bei Jugendlichen der Oberschicht hingegen 68% (+15%).

Der fehlende Optimismus junger Menschen aus der Unterschicht wird auch bei vielen anderen Fragen deutlich: Das Bildungsniveau und der (angestrebte) Schulabschluss hängen in Deutschland nach wie vor stark mit den sozialen Verhältnissen des Elternhauses zusammen. Entsprechend machen sich junge Menschen mit niedrigem formalen Bildungsniveau wenig Hoffnungen, was ihre berufliche Zukunft angeht. 

Das politische Interesse bei Jugendlichen ist im Vergleich zu 2006 wieder deutlich gestiegen, ebenso wie die Bereitschaft, sich an politischen Aktivitäten, wie z.B. einer Unterschriftenaktion oder einer Demonstration, zu beteiligen. 

Diese Engagementbereitschaft erstreckt sich nicht nur auf den politischen Bereich, auch soziales Engagement steht bei Jugendlichen wieder höher im Trend: 39% setzen sich häufig für soziale oder gesellschaftliche Zwecke ein – 2006 waren dies nur 33%. Die Shell-Jugendstudie fragt dabei, wie oft die Befragten „für soziale oder gesellschaftliche Zwecke oder ganz einfach für andere Menschen aktiv” sind. Damit ist die Frage offener formuliert als z.B. beim Freiwilligen Survey, das mit der Frage stärker auf soziales Engagement forciert (vgl. Shell Jugendstudie 2010, S. 152). 

Dabei ist der Grad des Engagements stark vom Alter der Befragten abhängig: Sind bei den 12- bis 14-Jährigen 41% und bei den 15- bis 17-Jährigen sogar 47% oft aktiv, so schrumpft das Engagement auf 36% bei den älteren Befragten. Damit beenden fast doppelt so viele Jugendliche ihr Engagement im Alter von etwa 17 Jahren wie noch vor 4 Jahren. Ursächlich dafür dürfte auch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur und die Verdichtung des Studiums sein.

Der Grad des sozialen Engagements ist dabei ebenso stark von der sozialen Herkunft der Jugendlichen abhängig, wie die Bereitschaft zu politischem Engagement: Während jede-r zweite Jugendliche aus der Oberschicht angibt, oft aktiv zu sein, sind dies in der Unterschicht nur 22%. 

Angesichts der deutlich unterschiedlichen Antworten der jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf kommt der Leiter der Studie, Mathias Albert, zu dem Ergebnis: „Bei fast allen Themen lässt sich feststellen: 10 bis 15 Prozent (der jungen Menschen) sind abgehängt”.

Doch was bedeuten diese Ergebnisse nun für Jugendarbeit und Jugendpolitik?

Die Ergebnisse der Shell-Studie sind, zumindest was die soziale Spaltung der Gesellschaft angeht, leider nicht überraschend: Jugend- und Sozialverbände, Kirchen und einige Politiker-innen warnen schon seit Langem vor den Folgen der aktuellen Sozialpolitik. 

Die Aussage von Prof. Albert, dass 10 bis 15 Prozent der Jugendlichen abgehängt sind, muss alle Politikerinnen und Politiker aufschrecken lassen – Deutschland kann es sich weder sozial noch ökonomisch leisten, perspektivisch auf die Fähigkeiten, Ressourcen und Ideen von einem Neuntel der Bevölkerung zu verzichten. Daher ist es aus Sicht des Landesjugendrings Niedersachsen e.V. dringend notwendig, die Bildungs- und Teilhabechancen von jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf zu verbessern, der LJR hat dazu z.B. bereits 2006 und 2009 entsprechende Vollversammlungs-Beschlüsse gefasst.

Die Politik muss alles tun, um die soziale Kluft zu schließen: Weder formale noch informelle Bildung darf vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein. Neben den notwendigen schul- und hochschulpolitischen Weichenstellungen muss Politik auch außerschulische Bildungsträger (wie z.B. die Jugendarbeit) mit den notwendigen Ressourcen ausstatten, um jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf Teilhabemöglichkeiten zu bieten und so zu sozialem Engagement zu motivieren. 

Die Shell-Jugendstudie – ein Muss für alle, die mit Jugendlichen arbeiten?

Die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie decken sich mit den Erkenntnissen anderer Jugendstudien: So erinnern die Ergebnisse hinsichtlich des sozialen Engagements und der Zukunftssicht stark an die Sinus-Milieustudie und die Erkenntnisse zur Medien-Nutzung an die JIM-Studien. Die Shell-Jugendstudie kann zwar kaum mit wirklich neuen Erkenntnissen aufwarten, ist aber wieder  eine umfangreiche Gesamtdarstellung jugendlicher Lebensrealität. Und es ist den Herausgebern gelungen, dass junge Menschen von der Presse wenigstens einmal mit positiven Schlagzeilen dargestellt worden sind.