Gute Argumente für Augenmaß

Auch wenn sich der Landesbeirat für Jugendarbeit für einen behutsamen Umgang mit erweiterten polizeilichen Führungszeugnissen ausspricht, so ist doch zu befürchten, dass es auf der kommunalen Ebene teilweise Stimmen gibt, die sich für eine umfassende Führungszeugnispflicht einsetzen.

Doch wer Kinder und Jugendliche wirklich schützen will, setzt nicht auf Scheinsicherheit, sondern auf starke Kinder, gut qualifizierte Jugendleiter-innen und ein unterstützendes Netzwerk der öffentlichen und freien Träger. Die wesentlichen Argumente gegen das überzogene Einfordern von Führungszeugnissen von Ehrenamtlichen in der Jugendarbeit sind aus Sicht des Landesjugendrings:

Führungszeugnisse wiegen in falscher Sicherheit

Enttarnt werden dadurch nur diejenigen, die bereits einschlägig verurteilt worden sind. Doch was ist mit den geschätzten 90% der Sexualstraftäter-innen, die nicht angezeigt bzw. verurteilt werden? Hier hilft nur eine gute Sensibilisierung der Teamer-innen, um Warnsignale erkennen und richtig reagieren zu können.

Zeit und Geld für Führungszeugnis-Bürokratie statt für Qualifizierung &Sensibilisierung

Jede Minute und jeder Cent, der zur Überprüfung der Führungszeugnisse aufgebracht werden muss, fehlt für die Qualifizierung der Ehrenamtlichen. Oder werden die öffentlichen Träger bereit sein, diesen Aufwand zu tragen?

Auf Förderung und Unterstützung wird verzichtet

Wenn sich zukünftig Ehrenamtliche wegen ein paar Euro Fördermittel den bürokratischen Aufwand der Führungszeugniskontrolle aufhalsen müssen, werden viele auf die Förderung verzichten. Dadurch werden Maßnahmen teurer, die soziale Selektion verstärkt und der öffentliche Träger hat keine Kenntnisse mehr von den Maßnahmen und kann nicht mehr unterstützen.

Ehrenamtliches Engagement wird unverhältnismäßig erschwert

Nicht wenige Freizeit-Teamer-innen studieren fernab ihres Heimatortes und sind nur am Wochenende dort, bereiten Maßnahmen vor und fahren in den Ferien als Teamende auf Freizeit. Um das Führungszeugnis zu beantragen, müssten sie an einem Werktag in die Heimat fahren, um dort persönlich das Führungszeugnis beantragen zu können – wer ist bereit, diese Zeit und das Geld zu investieren, nur um ein Blatt Papier zu beantragen?

Ehrenamtliches Engagement geht zurück

Abgesehen von dem zeitlichen und bürokratischen Aufwand: Eine überzogene Führungszeugnisregelung stellt Ehrenamtliche in der Jugendarbeit unter Generalverdacht. Die Gefahr ist groß, dass sie ihr Engagement beenden. Weniger Ehrenamtliche bedeuten weniger Freizeiten, weniger Bildungsseminare und weniger Gruppenstunden.

Kinder werden in der Jugendarbeit stark gemacht

Alle Teilnehmenden und Aktiven lernen in der Jugendarbeit wichtige Sozialkompetenzen. Sie werden so stark gemacht, um sich gegen Angriffe zur Wehr setzen zu können und finden Vertrauenspersonen, die sie ansprechen können, wenn sie Probleme haben. So schützt Jugendarbeit Kinder und Jugendliche auch über ihre Angebote hinaus.

Jugendarbeit wird anderen Engagementbereichen gegenüber benachteiligt

Die Führungszeugnispflichten gelten nur für den Bereich der Jugendarbeit/Jugendhilfe. Viele andere Bereiche des ehrenamtlichen Engagements, in denen es sehr ähnliche Angebote für junge Menschen gibt (z.B. das Sporttraining), werden vom § 72a SGB VIII nicht erfasst. Hier werden Jugendleiter-innen gegenüber anderen Ehrenamtlichen benachteiligt.

Die echten Gefahren lauern woanders

Geschätzt 75% aller Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung passieren innerhalb der (Groß-)Familie. Der Urlaub bei Tante und Onkel kann also für das Kind gefährlicher sein, als die Teilnahme an einer Ferienfreizeit.

Der LJR ist überzeugt davon, dass die beste Prävention eine gute Jugendarbeit ist, die Kinder zu starken Persönlichkeiten werden lässt, die Jugendlichen Erziehungskompetenzen und Werte mit auf den weiteren Lebensweg gibt und wichtige soziale Kompetenzen vermittelt.

Wer auch zukünftig Kinder stark machen, Ehrenamtliche fördern und qualifizieren und ein breites Angebot der Jugendarbeit haben will, der muss auch bereit sein, ein gewisses – sehr überschaubares – Risiko einzugehen und weitestgehend auf Führungszeugnisse für Ehrenamtliche in der Jugendarbeit verzichten!

Die Entscheidungsträger-innen in (Kommunal-)Politik und Verwaltung müssen sich zu ihrer Gesamtverantwortung bekennen, Jugendarbeit fördern und Ehrenamtlichen Unterstützung anbieten, nur so wird es gelingen, Kinder und Jugendliche stark zu machen, zu schützen und zu ehrenamtlichem Engagement zu motivieren.