Jugendarbeit in der digitalen Gesellschaft

Das Internet entwickelt sich zum eigenständigen Kulturraum, wird ein Teil der Realität und nimmt zunehmend und unaufhaltsam Einfluss auf gesellschaftliche Gestaltungsprozesse. Die »erste Völkerwanderung des Informationszeitalters« führt zu einer fundamentalen Veränderung der Gesellschaft und stellt alte Macht- und Entscheidungsstrukturen grundsätzlich in Frage. Für die Jugendarbeit ergeben sich daraus viele Chancen und Handlungsansätze. 

Denn das Internet bietet in seiner entwickelten Form eine Netzwerkstruktur, die in weiten Teilen dem entspricht, was emanzipatorische Jugendarbeit ausmacht: einen selbstbestimmten und frei gestaltbaren Raum, ein synergetisches Netzwerk der ungehinderten Kommunikation und Kooperation, einen machtreduzierten Ort für Freundschaft, Beteiligung, Entwicklung und Innovation, eine hierarchiefreie Basis für gleichberechtigtes Denken und Handeln. 

Jugendliche nutzen das Potenzial von digitalen Kanälen ganz selbstverständlich für Austausch und Kontakt. Die demokratischen Strukturen der Jugendverbandsarbeit ermöglichen Kindern und Jugendlichen frühzeitige Beteiligung und bieten damit Einflussnahme und Entscheidungspotential. Mit ihren Strukturen stellen Jugendverbände daher einen wirkungsvollen Engagementsrahmen bereit. Diesen gilt es digital zu erweitern und Engagementsaktivitäten zu vernetzen; dieser Prozess wird ganz maßgeblich von den Jugendlichen, die vor Ort in der Jugendarbeit aktiv sind, mitgestaltet und »bottom up« in die Strukturen der Jugendverbände getragen.

»Top down« entstehen Strukturen für den digitalen Austausch, die in natürlicher Wechselwirkung mit den Aktivitäten der Basis »bottom up« korrespondieren. Daraus ergeben sich selbstbestimmte Beteiligungsräume, die Ressourcen und Perspektiven bereitstellen und wieder loslassen, deren inhaltliche Prägung und Neuorientierung aus den Lebenswelten der Digital Natives entstehen.

Dazu gehört es insbesondere:

  • die strukturellen Vorteile und Möglichkeiten kleiner Einheiten zu nutzen und Bedingungen für Synergie, Teamfähigkeit, Kooperation, Handlungsfähigkeit, Flexibilität, Bürokratiearmut sowie flache Macht- und Entscheidungsstrukturen zu gewährleisten.
  • Netzwerkeffekte zu nutzen, Netzwerke zu schaffen, sie zu befördern und einzurichten.
  • die gestaltende Teilhabe am unbegrenzten Reichtum an Informationen zu ermöglichen.
  • kreative und innovative Energie freizusetzen und die passenden und bedarfsgerechten Räume zu schaffen.
  • das Wissen an den Rändern einzubeziehen, Schwarmintelligenz und kollektive Intelligenz zu nutzen sowie Beteiligung zu fördern und so einfach wie möglich zu machen.
  • die Gemeinsamkeit und die Gleichheit zu fördern und Ideologie, Wissen, Einfluss und Macht zu teilen.
  • Grundlagen zu befördern für Begeisterung, für Methodenkompetenz, für Prozessentwicklung und für ganzheitliches Denken.
  • gemeinsame Werte zu entwickeln und zu pflegen um Identifikation zu ermöglichen, das Richtige zu fördern und das Falsche zu verhindern.
  • die Kräfte ökonomisch einzusetzen, Inhalte über Strukturen zu stellen und Autonomie zu gewährleisten.
  • Medienkompetenz als Querschnittskompetenz in allen Feldern der Jugendarbeit zu befördern. 

Der Landesjugendring Niedersachsen e.V. arbeitet nach diesen Zielsetzungen, um landeszentral Impulse und Bedingungen zu initiieren, die zukunftsgerechtes Denken und Handeln befördern. Dabei sind alle Aktivitäten dem Ziel der strukturellen Verankerung und der nachhaltigen und dynamischen Integration verpflichet. An dieser Stelle unterscheiden sich am grünen Tisch erfundene Top down-Projekte ganz maßgeblich von dem nachhaltigen basisbezogenen Graswurzelprinzip der Jugendverbandsarbeit.

Wir leben in einem postrevolutionären Zeitalter. Es geht nicht mehr darum, ob man die Technik nutzen will, sondern darum, Kernkompetenzen der Jugendarbeit in den Netzen wirksam werden zu lassen. Online und Offline wachsen zusammen, wir haben es heute mit einem neuen Kulturraum zu tun. Vor diesem Hintergrund ist die Zeit reif für ein neues Denken.

Mehr denn je kommt es jetzt darauf an, die Strukturen und Verhältnisse zu öffnen, unsere Kompetenzen zu stärken und den veränderten Bedingungen und Bedürfnissen der Information, der Kommunikation und der Partizipation gerecht zu werden. Dazu gehört ganz entscheidend ein ganzheitliches Grundverständnis und ein globaler kulturraumbezogener Umgang. Die Integration des Digitalen ist keine Randaufgabe sondern eine Querschnittsaufgabe, die alle Verhältnisse durchdringen muss. Sieschafft neue synaptische Verbindungen, verändert Menschen, Hirne, Werte und Handlungsmechanismen; sie verändert die Kultur, die Machtverhältnisse, die Freiheit der Information, den Zugang zu Bildung, den Besitz im weitesten Sinne und den eigenen Status der Identität.

Jugendarbeit verlängert ihre hierarchiearmen Organisationsstrukturen ins Netz und nutzt die Netzstruktur zur Beteiligung und zur Verbreitung. Dabei qualifiziert sie ebenso das Wissen an den Rändern und bezieht Akteur-inn-e-n mit ein. Gerade in der projektorientierten Jugendarbeit dienen digitale Netzwerke dem Austausch, der Wissensarchivierung und der Beziehungspflege; mit dem Wissen von schwachen Bindungen erweitert Jugendarbeit so ihren natürlichen Aktionsradius. Durch zahlreiche Info- und Schulungsveranstaltungen und die Bereitstellung bundes- und landesweit wirkender digitaler Beteiligungswerkzeuge verändert sich die Sensiblität für das Themenfeld auch bei den hauptamtlichen Multiplikator-inn-en auf der Steuerungsebene weiter.

Diese Entwicklung wird sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen. Dabei wird das Teilen der vorhandenen Informationen sowie die virtuelle Vernetzung untereinander einen immer höheren Stellenwert erhalten. Transparenz, Ganzheitlichkeit und Offenheit sind zentrale Notwendigkeiten, denen bei der Entwicklung und der Nutzung von Partizipationsangeboten eine entscheidende Rolle zukommt. SchülerVZ-Gruppen, Facebook-Events und natürlich auch die eigenen Internetangebote der Jugendarbeit (in Niedersachsen: Jugendserver, myjuleica.de, etc.) vernetzen Jugendliche und ergänzen/begleiten traditionelle Aktivierungsstrategien.

Neue Werkzeuge, wie z.B. Adhocracy von Liquid Democracy können helfen, jugendverbandliche Organisationsstrukturen transparenter zu gestalten und Mitwirkungsflächen für eine qualifizierte Partizipation anbieten. Aktuell erprobt der Landesjugendring Niedersachsen mit Vertreter-inne-n einzelner Mitgliedsverbände die Möglichkeiten und Perspektiven einer zielgruppengerechten Nutzung.

Der Landesjugendring Niedersachsen hat die Chancen der internetbasierten Medien früh erkannt: Bereits seit 1984 diskutiert der LJR innerhalb seiner Strukturen über sogenannte »Neue Medien«; 1997 wurde mit dem Kommunikationskonzept PROkom der gemeinsame Start in die Online-Welt vollzogen. Mit BTX wurde mit dem »ljr-Dorf« ein Mailboxsystem iniitiert, um Verbände mit- und untereinander zu vernetzen – der Startpunkt für ein heute vielfältiges webbasiertes Netzwerk der Jugendarbeit in Niedersachsen. 

Der Landesjugendring versteht seine Rolle als die des Raumausstatters, Organisators, Wegbereiters und Katalysators. Die verschiedenen Web-Präsenzen entsprechen dabei den unterschiedlichen Anforderungen und Bedürfnislagen, schaffen Kanäle und befördern die geregelte Orientierung innerhalb eines ganzheitlich  angelegten Systems der jugendgerechten Strukturgestaltung. Als zielgruppendifferente Knotenpunkte dienen dabei insbesondere:

  • jugendserver-niedersachsen.de - Verbandsübergreifend steht in Niedersachsen die Mitmach-Plattform Jugendserver Niedersachsen für digitale Information und Austausch, als Wissensarchiv und Unterstützungspool für Multiplikator-inn-en der Jugendarbeit zur Verfügung. 
  • myjuleica.de - Jugendleiter-innen finden im Netzwerk myjuleica.de eine medienpädagogische, themenorientierte, nichtkommerzielle Community mit zahlreichen  Funktionen, die speziell auf die Erfordernisse der Jugendarbeit zugeschnitten sind, Strukturen und Angebote der Jugendarbeit abbilden und Engagierte bei der Organisation von Aktionen und des Gruppenalltags unterstützen. 
  • ljr.de - Der strukturpolitische und organisatorische Rahmen sowie die formale Seite der Jugendverbandsarbeit in Niedersachsen wird durch die Homepage des Landesjugendringes Niedersachsen abgedeckt.

Die neXTfamilie.de des Landesjugendring Niedersachsen bündelt zahlreiche Aktionen, Programme und Projekte zu einer wiedererkennbaren Marke in Niedersachsen. Mit neXTgender, neXTschule, neXTklima, neXT2020, neXTnetz, neXTgeneration, neXTvision, neXTkonferenz werden Themen und Projekte bewegt, die immer auch online verankert, beweglich und Bestandteil des Netzwerks sind. Die Familie steht für Freundschaft, Beteiligung, Entwicklung und Innovation; gleichberechtigt und auf Augenhöhe. 

neXTmedia - Medienkompetenz in der Jugendarbeit
Mit neXTmedia - Medienkompetenz in der Jugendarbeit hat der Landesjugendring Niedersachsen in Kooperation mit der niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) ein zielgruppenorientiertes Angebot zum Medienkompetenzerwerb in der Jugendarbeit konzipiert. Peer-to-Peer-Konzepte und lebensweltbezogene Inhalte initiieren medienkompetentes Handeln an der Basis und auf allen gesellschaftlichen Ebenen. 

neXTvote – Politische Partizipation im Web 2.0
Jugendverbände und Jugendringe verstehen sich seit jeher als »Werkstätten der Demokratie«: In den eigenen Strukturen entscheiden Kinder und Jugendliche mit; nach außen verstehen sich die Organisationen als Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche. Das Web schafft nun eine digitale demokratische Basis und bietet damit die Voraussetzungen für die Entwicklung und Nutzung kollektiver Intelligenz und weiterer Partizipationsflächen. neXTvote.de

Nicht nur in Niedersachsen, sondern auch bundesweit gibt es zahlreiche Projekte und Bemühungen, die Chancen des Internets für die Jugendverbandsarbeit zu nutzen. Insbesondere auf der regionalen Ebene gibt es zahlreiche gute Beispiele, wie Jugendgruppen und -verbände webbasierte Anwendungen einsetzen – sei es für Partizipationsprojekte, zur Öffentlichkeitsarbeit oder für die gruppeninterne Kommunikation. Doch auch die bundesweit organisierten Jugendverbände und Landesjugendringe erkennen die Notwendigkeit, ihre Social-Media-Aktivitäten auszubauen. Bundesweite Fachtage zu Jugendarbeit Online des Deutschen Bundesjugendrings in Kooperation mit den Landesjugendringen zeigen das große Interesse gemeinsame Wege zu beschreiten.

Ein Meilenstein für die vernetzte Jugendarbeit war die Einführung des Online-Antragsverfahrens für die Juleica in 2009. Trotz einiger Bedenken ist das System erfolgreich etabliert worden und zeigt den Mehrwert digitaler Werkzeuge für die Jugendarbeit. Diese positiven Erfahrungen tragen sicherlich auch dazu bei, dass die Jugendverbände ihre Web-Aktivitäten insgesamt verstärkt haben.

Zum Schluss für Alle, die es noch immer nicht begriffen haben, die im Kampf der kulturellen Wertewelten die Chancen des Netzes am liebsten ignorieren möchten. Hier geht es nicht mehr nur um Klatschen oder Pfeifen, um Sympathie oder Ablehnung. Hier geht es um die etablierten Regeln der Macht und darum, gestaltend in die Gesellschaftsdynamik einzugreifen. Kinder und Jugendliche Denken, Leben und Handeln in der Einheit von Online- und Offlinewelt längst nach den Kategorien des neuen Kulturraums und sie erleben den Mechanismus der Zukunft als neue Basiskompetenz. Jugendarbeit ist gut beraten, das Social-Web als Riesengewinn und als Chance der Weiterentwicklung zu begreifen und zu nutzen. Es wäre gut, so schnell wie möglich zu begreifen, dass wir es mit einem Kulturraum zu tun haben, der systembedingt weltweit die gesamte Gesellschaft betrifft. Wir sollten die Dynamik verstehen lernen und aktiv mitgestalten, wir sollten die Teilhabe am unbegrenzten Reichtum an Informationen zu schätzen wissen, wir sollten eigene Kreativität einbringen und Spuren hinterlassen, wir sollten unsere Bewegungen und unsere Netzwerke stärken und auf dieser Basis gemeinsam die Zukunft entwickeln. Jugendarbeit gehört im Interesse der Kinder und Jugendlichen an die Spitze der Bewegung.

Autoren/in: Hans Schwab bloggt unter neXTcircus.de, Björn Bertram, Geschäftsführer Landesjugendring Niedersachsen e.V. im ljr verantwortet neXTvote - Aktionen zur Kommunal- und Landtagswahlen und myjuleica.de sowie Sonja Reichmann, Projektleiterin Jugendserver Niedersachsen zuständig für die strukturelle Verankerung digitaler Medien und Perspektiventwicklung.

Jugendarbeit in der digitalen Gesellschaft

  • Artikel »Jugendarbeit im Zeitalter der digitalen Revolution« CC BY-NC-SA

e-Partizipation

  • Partizipation und Engagement im Netz. Neue Chancen für Demokratie und Medienpädagogik
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